Daten
Kommune
Berlin Tempelhof-Schöneberg
Dateiname
Drucksache.pdf
Größe
135 kB
Erstellt
09.10.15, 10:56
Aktualisiert
27.01.18, 11:20
Stichworte
Inhalt der Datei
Drucksachen
der Bezirksverordnetenversammlung
Tempelhof-Schöneberg von Berlin
Ursprung: Antrag, Frakt. SPD, GRÜNE
Beratungsfolge:
Gremium
Datum
20.05.2015 Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg von Berlin
01.09.2015 Bezirksamt
16.09.2015 Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg von Berlin
Mitteilung zur Kenntnisnahme
Drucks. Nr:
1512/XIX
Bezirksamt
Für eine Kinder- und Jugendbibliothek in Friedenau - Standort Handjerystraße
44 umfassend pfüfen
Das Bezirksamt teilt zu der o.g. Drucksache folgendes mit:
Das Bezirksamt hat zur Einrichtung einer Bibliothek in der Handjerystr. auf der
Grundlage der derzeit bekannten Kostenfaktoren und Mengenprognosen eine
Wirtschaftlichkeitsbetrachtung erstellt. In den Kosten sind eine Miete von 8 Euro/m² +
3 Euro/m² Nebenkosten berücksichtigt. Eventuelle weitere Kosten (Umbauten z.B. für
eine
Geschossverbindung
und
den
2.
Rettungsweg,
fachbedingte
Sonderausstattungen, Außenwerbung etc.) können erst durch eine genauere
Schnittstellenanalyse zusammen mit dem Vermieter und dem Nachbarschaftsheim
Schöneberg ermittelt werden und sind hier, um eine zeitnahe Beantwortung zu
ermöglichen, noch nicht einbezogen.
1. Erläuterungen zur Wirtschaftlichkeitsbetrachtung
Ausrichtung der Bibliothek
Der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung liegt das Modell einer „Familienbibliothek“ mit
Schwerpunkt Kinderbetreuung zugrunde. Kinder besuchen Bibliotheken i.d.R. in
Begleitung Erwachsener, die dort, wenn sie schon den Weg auf sich nehmen, auch
ein Angebot für den Eigenbedarf erwarten. Deshalb sollte die Bibliothek in der
Handjerystr. einen Grundbestand für Erwachsene vorhalten.
In der Gerhart-Hauptmann-Bibliothek (GHB) machen die Entleihungen von
Kinderliteratur ca. 61% der Gesamtentleihungen aus. Doch nur 42,2% dieser Medien
werden durch die Kinder selbst entliehen. 32,4% werden durch Erwachsene in der
Kenntnis genommen:
überwiesen:
Altersgruppe 25-39 Jahre entliehen. Unter den Entleihungen dieser Altersgruppe
nehmen Kindermedien 60,1%, in der Altersgruppe 40-49 Jahre nehmen sie 50,6%
ein.
Weiterhin zeigt ein Blick auf die „aktiven Nutzer“1, dass unter den
Stadtteilbibliotheken Friedenau, Lichtenrade und Marienfelde, die vergleichbar sind,
in Friedenau die Nutzer/innen unter 18 Jahren trotz des höchsten Ausleihanteils der
Kinderliteratur mit 35,5% den geringsten Nutzer/innenanteil haben (Lichtenrade:
43,3%; Marienfelde: 41,9 %).
Diese statistischen Daten zeigen, dass in Friedenau Erwachsene zwischen 25 und
49 Jahren in überdurchschnittlich starkem Umfang wegen der Kinder in die Bibliothek
kommen. Entsprechend der demografischen Struktur des Ortsteils, die sich in den
Erfahrungen der Bibliotheksmitarbeiter/innen widerspiegelt, sind dies i.d.R. gut
situierte Eltern, die ihre Kinder nicht allein losschicken, sondern die Bibliothek
zusammen mit diesen aufsuchen und auf ihren Ausweis für ihre Kinder und für sich
selbst ausleihen. In der Handjerystr. dürfte sich diese Tendenz aufgrund der Lage an
einer Durchgangsstraße eher noch verstärken.
Der Anteil Jugendlicher zwischen 13 und 17 Jahren liegt in der GHB mit 8,05%
deutlich niedriger als in den Vergleichsbibliotheken Marienfelde (10,28%) und
Lichtenrade (13,22%). Jugendliche, die vorwiegend schulbezogene Bedarfe haben,
erwarten differenzierter ausgebaute Bestände, als sie in Friedenau angeboten
werden können. Sie nutzen eher die nahe gelegenen größeren Bibliotheken in
Schöneberg, Steglitz oder Wilmersdorf.
Die neue Bibliothek als reine „Kinder- und Jugendbibliothek“ zu führen, widerspräche
deshalb dem Bedarf der Friedenauer Nutzer/innen. Separate Kinder- und
Jugendbibliotheken sind im Übrigen in Berlin kaum noch zu finden. Sie
konterkarieren das Ziel, Bibliotheken nicht nur als Verleihstationen, sondern als Orte
einzurichten, wo sich Menschen aller Generationen, Schichten und Herkünfte mit den
unterschiedlichsten Nutzungszielen begegnen können. Die Prüfung wurde deshalb
für eine „Familienbibliothek“ mit deutlich erhöhtem Kindermedienbestand
durchgeführt, in der aber auch Erwachsenenmedien vorgehalten werden.
Medienbestand
Die Aufteilung der zur Verfügung stehenden Flächen auf Verkehrsflächen und
Funktionsbereiche
ergibt
unter
Berücksichtigung
der
spezifischen
Raumgegebenheiten (z. B. der Fensterfronten), dass in beiden Geschossen maximal
16.500 Medien untergebracht werden können. Mit dieser Bestandsgröße läge die
Bibliothek nur knapp über der Größe von 15.000 Medieneinheiten, die 2014 von der
Verbundkonferenz des VÖBB als Mindestgröße für Bibliotheken im VÖBB definiert
wurde, und unterschritte den Stand der Bibliothek im Rathaus um rd. 30%.
Mit 55% sollen Kindermedien einen überdurchschnittlich hohen Bestandsanteil
einnehmen. In der GHB lag der Anteil 2014 bei 47%, in der Stadtbibliothek insgesamt
bei 40%.
1
Ausstellung/Verlängerung eines Bibliotheksausweises.
Seite: 5/2
Raumplanung
Für die Mengenprognose wurde eine grobe Raumaufteilung vorgenommen, der
zufolge das Untergeschoss mit Medien, Sitz- und Arbeitsplätzen sowie
Veranstaltungsmöglichkeiten als Kinderbibliothek dient, während im Erdgeschoss
überwiegend Angebote für Erwachsene, aber aus Platzgründen ebenfalls auch noch
für Kinder (Bilderbücher, Nonbooks) vorgehalten werden. Im separaten Gebäudeteil
im Erdgeschoss könnte neben den internen Räumen auch ein Gruppenraum
eingerichtet werden.
Öffnungszeiten und Personalbedarf
Die Bibliothek sollte 30 Stunden pro Woche, aufgeteilt auf 6 Stunden an 5
Wochentagen, geöffnet sein. Da aus Platzgründen kein Parallelbetrieb während der
Öffnungszeiten möglich ist, sollten die Stunden so liegen, dass davor noch
Gruppenführungen für Schulklassen und Kitagruppen stattfinden können, also z.B.
11-17 oder 13-19 Uhr.
In der Bibliothek müssen 2 Geschossebenen bespielt und beaufsichtigt werden.
Hierfür ist während der Öffnungszeiten im Untergeschoss die dauerhafte
Anwesenheit von einer Person, im Erdgeschoss aus Gründen der Kassensicherheit
von dauerhaft 2 Personen erforderlich.
30 Stunden Öffnung auf 2 Etagen + Vormittagsbetreuung von Gruppen + BackOfficeTätigkeiten erfordern eine Personalausstattung von 4,5 Personen (1 ½
Bibliothekar/innen, 3 Fachangestellte),
Mengenprognose
Der Mengenprognose liegt der 2014 im Standort „Rathaus“ durch die einzelnen
Bestandssegmente erwirtschaftete Umsatz zugrunde. Insgesamt ergibt sich bei
16.500 Medien eine Prognose von rd. 84.000 Entleihungen, was einem Umsatz von
5,1 entspricht (GHB: 4,47). Dies ist eine den Fachnormen entsprechende plausible
Standardgröße für einen gut genutzten Bestand. Ein noch höherer Umsatz ist trotz
des gegenüber der GHB deutlich geringeren Bestands aufgrund der Lage der
Bibliothek nicht zu erwarten und auch nicht sinnvoll, da eine zu hohe Medienabsenz
die Verfügbarkeit der Medien beeinträchtigt.
Die Besucherzahl wurde in Analogie zum Verhältnis Entleihung/Besuch in der
Gerhart-Hauptmann-Bibliothek auf rd. 40.000 veranschlagt.
Die Einbeziehung von bürgerschaftlichem Engagement, die sich vor allem auf das
Produkt „Vermittlung von Medien- und Informationskompetenz und Leseförderung“
auswirkt, kann zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich abgeschätzt werden. In der
Wirtschaftlichkeitsberechnung wurde sie gleichwohl durch eine erhöhte Ansetzung
der Zahl der Teilnehmer berücksichtigt, die gegenüber 2014 mit einem Zuwachs von
rd. 25% veranschlagt wird.
2. Resümee
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Fachliche Bewertung
Wie im Zwischenbericht vom 18.5.2015 für den Unterausschuss Bibliotheken
ausführlich dargestellt, weist der Standort „Handjerystr.“ aus fachlicher Sicht
deutliche Nachteile allgemein sowie speziell auch gegenüber dem Standort
„Rathaus“ auf, die sich wie folgt zusammenfassen lassen:
Fläche und Bestandsgröße am untersten Rand des fachlich Vertretbaren
personalintensive Verteilung der Räumlichkeiten auf 3 Gebäudeteile in 2
Geschossen
Randlage nahe Steglitz
kaum Nutzungssynergien
wenig Laufkundschaft
schlechtere ÖPNV-Anbindung
keine
ÖPNV-Umsteigepunke
für
spontane,
beiläufige
Nutzungen;
Mitnahmeanreize fehlen
Konkurrenz durch drei besser ausgestattete größere Bibliotheken, die mit
geringem Mehraufwand schnell zu erreichen sind
Aus fachlicher Sicht kann der Standort aufgrund der Raumstruktur und Größe, der
Lage und Erreichbarkeit und der Konkurrenz durch größere Bibliotheken nicht
befürwortet werden.
Bewertung der Wirtschaftlichkeit und Gesamteinschätzung
Für die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung sollten der Standort „Rathaus“ mit dem
Standort Handjerystr. verglichen werden (s. Anlage).
Im Ergebnis betrüge das Budgetdefizit der Stadtbibliothek am Standort Handjerystr.
rd. 180.000 Euro, gegenüber dem schon vorhandenen Defizit der GHB würde es
sich um weitere 40.000 Euro erhöhen.
In dieser Summe sind nur die laufenden Kosten berücksichtigt, die derzeit schon
bekannt sind, auch die einmaligen Herrichtungskosten sind darin nicht enthalten.
Nicht berücksichtigt ist auch, dass ein Teil der veranschlagten Mengenzuwächse
weitgehend kostenneutral auch durch die Mittelpunktbibliothek Schöneberg oder
durch eine neue Haltestelle des Bücherbusses erwirtschaftet werden könnte.
Für den kameralen Haushalt ist zu bedenken, dass die Personalausstattung der
neuen Bibliothek im Personalhaushalt der Stadtbibliothek verankert werden müsste.
Derzeit reicht die Personalausstattung nicht aus, um die vorhandenen Standorte
kontinuierlich mit vollem Leistungsumfang zu öffnen. ln den Stadtteilbibliotheken
Friedenau und Schöneberg-Nord musste mit Beginn des Jahres bei reduzierter
Personalausstattung das gesamte Angebot zur Vermittlung von Medien- und
Informationskompetenz und Leseförderung eingestellt werden. Gruppenführungen
für Kitas und Schulklassen, Veranstaltungen o.Ä. finden dort nicht mehr statt.
Darüber hinaus musste die Stadtteilbibliothek Schöneberg-Nord in den vergangenen
Monaten häufig kurzfristig geschlossen werden, weil für erhöhte Krankheitsausfälle
keine Vertretungen mehr zur Verfügung standen.
Hauptanliegen des Unterausschusses Bibliotheken ist die Reduzierung des
beträchtlichen Budgetdefizits der Stadtbibliothek. Hierzu gilt es eine Standortplanung
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zu initiieren, die die bedarfsgerechte Bibliotheksversorgung der Bevölkerung an
optimale
Kostenstrukturen
und
die
bestmögliche
Ausschöpfung
von
Mengenpotenzialen bindet. Diesem Ziel widerspricht die Neueinrichtung eines
Bibliotheksstandorts, der das Defizit der Stadtbibliothek nicht verringert, sondern
noch weiter erhöht.
Eine Defizitfinanzierung könnte allenfalls dann erwogen werden, wenn es darum
ginge, durch einen neuen Bibliotheksstandort mit evidentem Qualitätszuwachs einen
Versorgungnotstand zu beseitigen. Die Schließung der Bibliothek im Rathaus
bedeutet zwar einen erheblichen Verlust für die Bürger/innen des Ortsteils, doch
auch ohne ortseigenen Standort stehen ihnen weiterhin mehrere gut erreichbare
Bibliotheken zur Verfügung. Vor diesem Hintergrund ist eine Defizitfinanzierung für
ein fachlich nicht überzeugendes Ersatzangebot, die letztlich nur durch
Angebotskürzungen im gesamten System der Stadtbibliothek aufgefangen werden
könnte, nicht zu rechtfertigen.
Aus den genannten fachlichen und wirtschaftlichen Gründen kann die
Einrichtung des Standorts Handjerystraße nicht empfohlen werden.
Inzwischen hat das Nachbarschaftsheim Schöneberg erklärt, dass es keinen
Vertrag mit dem Bezirksamt eingehen wird.
Berlin, den 01.09.2015
Frau Schöttler, Angelika
Bezirksamt
Frau Kaddatz, Jutta
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