Daten
Kommune
Berlin Pankow
Dateiname
VzK§15 BA, 39. BVV am 13.04.16.pdf
Größe
1,0 MB
Erstellt
07.04.16, 13:46
Aktualisiert
28.01.18, 01:21
Stichworte
Inhalt der Datei
Drucksache
Bezirksverordnetenversammlung
Pankow von Berlin
VII-1126
Bezirksamt
Vorlage zur Kenntnisnahme §
15 BezVG
Ursprung:
Vorlage zur Kenntnisnahme § 15 BezVG, Bezirksamt
Beratungsfolge:
13.04.2016
BVV
BVV/ 039/VII
Betreff: Benennung eines öffentlichen Platzes im Ortsteil Niederschönhausen in
"Selma- und Paul-Latte-Platz"
Es wird gebeten, zur Kenntnis zu nehmen:
Siehe Anlage
Berlin, den 29.03.2016
Einreicher: Bezirksamt
Begründung siehe Rückseite
Ergebnis:
X
zur Kenntnis genommen ohne Aussprache
zur Kenntnis genommen mit Aussprache
zurückgezogen
Drs. VII-1126
Bezirksamt Pankow von Berlin
.2016
An die
Bezirksverordnetenversammlung
Drucksache-Nr.:
Vorlage zur Kenntnisnahme
für die Bezirksverordnetenversammlung gemäß § 15 BezVG
Betr.: Benennung eines öffentlichen Platzes im Ortsteil Niederschönhausen in
„Selma- und Paul-Latte-Platz“
Wir bitten zur Kenntnis zu nehmen:
Gemäß § 15 Bezirksverwaltungsgesetz (BezVG) wird berichtet:
Das Bezirksamt hat in seiner Sitzung am
folgenden Beschluss gefasst:
Die platzartige öffentliche Fläche im Bereich der Beuthstraße, Buchholzer Straße,
Charlottenstraße wird in „Selma- und Paul-Latte-Platz“ benannt. Die Lage der Straße ist
auf dem beiliegenden Plan erkennbar.
Begründung
Die Benennungsabsicht wurde der Bezirksverordnetenversammlung gemäß § 15
BezVG als Vorlage zur Kenntnisnahme übergeben. Die Vorlage wurde am 02. März
2016 in der 38. ordentlichen Tagung der Bezirksverordnetenversammlung mit
Abschlussbericht zur Kenntnis genommen.
Die Mitglieder der Stolpersteingruppe, Frau Dr. Gudrun Schottmann und Christof Kurz,
beantragten die Benennung des Platzes.
Paul Latte wurde am 2. Oktober 1878 in Bromberg (heute: Bydgoszcz/Polen) in der
Provinz Posen geboren, seine Frau Selma kam am 21. Juni 1878 in Moschin, ebenfalls
in der Provinz Posen, als Tochter der Eheleute Nathan und Flora Noah zur Welt.
2
Paul Latte war Flaschenhändler in Berlin-Pankow in der Buchholzer Str. 23–31. Hier
stellte er Anfang 1934 dem Jugendpflegedezernat der Jüdischen Gemeinde Berlin
einen Teil seines Fabrikgeländes für eine Ausbildungswerkstätte für junge jüdische
Menschen zur Verfügung. Es handelte sich um eine Umschichtungsstelle, ein so
genanntes Hachschara-Lager mit Lehrwerkstätten, einem großen Garten und
Wohnbaracken für junge Frauen und Männer, die sich für die Emigration (Hachschara:
Tauglichmachung) vorbereiten sollten. 49 junge Männer und Frauen begannen 1934
eine Ausbildung in der Tischlerei, Schlosserei, Schmiede und in der Hauswirtschaft, um
sich als Handwerker für eine Auswanderung nach Palästina oder den USA
vorzubereiten. 1936 wurde auf dem Gelände zusätzlich für ca. 200 Jungen und
Mädchen im Alter von 14-16 Jahre, denen es mittlerweile verboten war eine Lehre zu
beginnen, eine einjährige „Tagesschule für Berufsvorlehre“ eingerichtet.
Neben der Ausbildung stellte die Umschichtungsstelle für die ausgegrenzten und
verfolgten Jugendlichen für einen kurzen Zeitraum auch einen gewissen geschützten
Raum dar. Durch die erworbenen handwerklichen Fähigkeiten konnten etliche der dort
ausgebildeten jungen Menschen ein Arbeitszertifikat für Palästina und andere Länder
erlangen und so der später erfolgenden Deportationen und Ermordung entkommen.
Beide Einrichtungen haben bis ca. 1938 bestanden. Paul Latte wurde enteignet und
musste mit seiner Frau Selma nach Hermsdorf in ein so genanntes „Judenhaus“ ziehen.
Die Familie Latte – das waren Paul, seine Schwester Henriette Willhelm, seine Frau
Selma, deren Schwestern Regina und Rosa Noah und die Ehemänner der Schwestern
sowie die Brüder Ephraim und Adolf Broh lebten dort im Falkentaler Steig 16. Von hier
aus wurden Paul und Selma Latte am 13. Januar 1943 mit weiteren 98 Personen nach
Theresienstadt deportiert. Über 60.000 Mark musste Paul Latte für die Deportation
dorthin zahlen. Er verstarb dort am 24. Januar 1943, Selma Latte am 16. Juli 1943.
Die Geschichte des ehemaligen Hachscharah-Lagers an der Buchholzer Straße 23-31
im heutigen Ortsteil Niederschönhausen steht beispielhaft für die Selbstbehauptung der
von Diskriminierung und Ausgrenzung bedrohten jüdischen Bevölkerung. Dieser
historische Ort ist sowohl für seine damalige Größe als auch seine innerstädtische Lage
von besonderer Bedeutung. Die bislang erfolgte Quellenrecherche belegt die Existenz
des Lagers auf dem ehemaligen Fabrikgelände des Flaschenhändlers Paul Latte
zwischen 1934 bis 1938 und verweist durch die überlieferte Verfolgungsgeschichte von
Paul und Selma Latte auf die Ausgrenzung und Enteignung jüdischer
Gewerbetreibender bis zu deren Ermordung.
Mit der Benennung des bislang namenlosen Platzes in unmittelbarer Lage zu dem
historischen Gelände besteht die Möglichkeit, an die obige Geschichte und deren Opfer
im Stadtraum zu erinnern und damit zugleich über die bislang weitgehend verschüttete
und lediglich dem ländlichen Raum zugeordneten Geschichte der Hachscharahlager
inmitten des Ortsteils Niederschönhausen zu informieren.
Das Benennungsvorhaben wird vom Amt für Weiterbildung und Kultur, Fachbereich
Museum/Bezirkliche Geschichtsarbeit ausdrücklich befürwortet.
In ihrer Sitzung am 9. Juli hat die Gedenktafelkommission die Aufnahme des
Vorschlages zur Würdigung des Schicksals von Selma und Paul Latte und der
Geschichte des ehemaligen Fabrikgeländes zwischen 1933 und 1945 parallel zur
Platzbenennung durch die Aufstellung einer Gedenk- und Erinnerungstafel
beschlossen.
Da es keine Anlieger an diesem Platz gibt, entfällt ein Informationsschreiben.
Die Abfrage bei den übrigen Straßen- und Grünflächenämtern Berlins und beim Amt für
Statistik Berlin-Brandenburg hat ergeben, dass keine gleichen Benennungsabsichten
bestehen sowie gleiche oder gleichlautende Straßenbezeichnungen in Berlin nicht
vorhanden sind.
3
Das Benennungsverfahren soll entsprechend § 5 Abs. 1 Satz 1 Berliner Straßengesetz
durchgeführt werden.
Haushaltsmäßige Auswirkungen
Die Kosten für die Aufstellung von Straßennamenschildern betragen 201,02 € und
werden aus dem Kapitel 3800, Titel 52101 – Unterhaltung des Straßenlandes –
finanziert.
Gleichstellungs- und gleichbehandlungsrelevante Auswirkungen
keine
Auswirkungen auf die nachhaltige Entwicklung
keine
Kinder- und Familienverträglichkeit
entfällt
Anlage
Lageplan
Matthias Köhne
Bezirksbürgermeister
4
Jens-Holger Kirchner
Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung