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Beschlussvorlage (Gutachten Denkmal Gut Merberich)

Daten

Kommune
Langerwehe
Größe
3,9 MB
Datum
02.02.2017
Erstellt
24.01.17, 18:06
Aktualisiert
24.01.17, 18:06

Inhalt der Datei

scheuvens + wachten in Arbeitsgemeinschaft mit: UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University Evaluierung des geplanten Repowerings des Windparks Halde Nierchen in Bezug auf visuelle Auswirkungen auf das Denkmal Gut Merberich 06. Juli 2015 / 17. November 2015 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University Impressum Auftraggeber Energiekontor AG Büro Bremen Mary-Somerville Str. 5, D-28359 Bremen www.energiekontor.de Frau Klement Autoren scheuvens+wachten Friedensstraße 18, 44139 Dortmund www.scheuvens-wachten.de in Kooperation mit Institut für Städtebau und Landesplanung UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes RWTH Aachen University – Faculty of Architecture Wüllnerstr. 5b, D-52062 Aachen, www.isl.rwth-aachen.de Dr.-Ing. Michael Kloos mit M. Sc. Maaike Goedkoop Dipl.-Ing. Martin Ritscherle Visualisierungen / Technische Unterstützung: V-Cube Lochnerstrasse 7, D- 52064 Aachen www.v-cube.de Dipl.-Ing. Hendrik Daniel Dipl.-Ing. Andreas Walther M. Sc. Richard Ehren 2 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University Inhalt ABSTRACT.............................................................................................................................................. 4 1. EINLEITUNG ....................................................................................................................................... 5 1.1 Ziel und Hintergrund des Gutachtens ................................................................................................ 5 1.2 Erläuterungen zum Vorhabensumfeld und zu den Planungen des Repowerings von Windenergieanlagen auf Halde Nierchen ................................................................................................ 5 1.3 Fazit: Erläuterungen zur Methodik und zum Untersuchungsaufbau ................................................. 8 2. DAS DENKMAL GUT MERBERICH UND SEIN KULTURGESCHICHTLICHER WERT ................. 10 2.1 Denkmalwert von Gut Merberich (Denkmalliste) ............................................................................. 10 2.2 Stichworte zur Entstehungsgeschichte und heutigen Situation Gut Merberichs............................. 11 2.3 Stichworte zu Emanuel von Seidl, Architekt von Gut Merberich ..................................................... 14 2.4 Stichworte zu den Gestaltungsprinzipien von Seidls Villenbauten ................................................. 16 2.5 Stichworte zur Typologie und Gestalt des Denkmals Gut Merberich .............................................. 18 2.6 Stichworte zum früheren Zustand der kulturlandschaftlichen Einbettung Gut Merberichs ............. 21 2.7 Stichworte zum heutigen Zustand der kulturlandschaftlichen Einbettung Gut Merberichs ............. 22 2.8 Fazit: Wichtige Sichtverbindungen in und um Gut Merberich ......................................................... 25 3. VISUALISIERUNGEN UND BEWERTUNG ...................................................................................... 26 3.1 Anmerkungen zur technischen Methodik ........................................................................................ 26 3.2 Erzeugung der Visualisierungen der geplanten Windenergieanlagen ............................................ 26 3.3 Anmerkungen zur Dokumentation der Visualisierungen ................................................................. 27 3.4 Wahrnehmungskategorien und ausgewählte Sichtpunkte .............................................................. 28 3.5 Grundlagen zur gutachterlichen Bewertung des Konfliktpotenzials der geplanten Windenergieanlagen auf das Denkmal Gut Merberich ......................................................................... 29 3.6 Dokumentation und Bewertung der Visualisierungen von Aussichtspunkten ................................. 30 3.7 Fazit: Zusammenfassung der Bewertung der Visualisierungen ...................................................... 37 4. FAZIT UND EMPFEHLUNGEN ......................................................................................................... 38 5. QUELLEN .......................................................................................................................................... 40 3 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University Abstract Die Firma Energiekontor AG plant derzeit, den Windpark Halde Nierchen durch ein so genanntes 'Repowering' zu ertüchtigen. Geplant ist, die hier vorhandenen neun Windenergieanlagen durch vier neue Windenergieanlagen mit einer größeren Gesamthöhe von bis zu 170 Metern zu ersetzen. Das vorliegende Gutachten hat zum Ziel, die mit dem geplanten Repowering verbundenen potenziellen positiven und negativen visuellen Auswirkungen auf das Denkmal Gut Merberich zu untersuchen und aus unabhängiger Sicht gutachterlich zu bewerten. Die Untersuchung zeigte, dass durch das geplante Repowering des Windparks auf Halde Nierchen stellenweise Beeinträchtigungen kulturgeschichtlich relevanter Sichtverbindungen im Hinblick auf das Denkmal Gut Merberich und dessen Umgebung entstünden. Andere Sichtverbindungen mit kulturhistorischer Bedeutung würden jedoch eher etwas entlastet, da hier eine Minderung der bereits jetzt bestehenden starken visuellen Beeinträchtigungen durch die Windenergieanlagen auf Halde Nierchen eintritt. In weiteren Fällen bleibt die Belastung in etwa gleich. Insgesamt führt die unabhängige gutachterliche Beurteilung des geplanten Repowerings des Windparks Halde Nierchen daher zu dem Ergebnis, dass diese Maßnahme im Hinblick auf den visuell wahrnehmbaren kulturgeschichtlichen Wert des Denkmals Gut Merberich als neutral einzustufen ist. Ausdrücklich angemerkt werden soll jedoch an dieser Stelle, dass dieses Ergebnis auch maßgeblich darauf zurückzuführen ist, dass das Denkmal Gut Merberich und seine umgebende Kulturlandschaft bereits jetzt sehr stark technisch überprägt sind. Hierbei spielen nicht nur die bestehenden Windenergieanlagen auf Halde Nierchen, sondern insbesondere auch die Veränderungen durch den Braunkohletagebau, die hierdurch entstandene Halde Nierchen sowie die visuelle Dominanz des Kraftwerks Weisweiler eine entscheidende Rolle. Es werden daher folgende drei Empfehlungen für zukünftige Handlungskorridore vorgeschlagen, die diesen Aspekt mit berücksichtigen: ►a. Überprüfung eines begrenzten Repowerings durch Verzicht auf Aufstellung der geplanten Windenergieanlage im Osten von Halde Nierchen. Die wirtschaftliche Darstellbarkeit eines solches begrenztes Repowerings sollte in diese Überprüfung mit einbezogen werden. ►b. Falls im Rahmen des geplanten Repowerings ausgleichende Maßnahmen festgesetzt werden, sollte die langfristige und nachhaltige Sicherung ausgewählter kulturgeschichtlich wertvoller Denkmäler im Raum Langerwehe und Weisweiler, unter ihnen Gut Merberich und seine umgebende Kulturlandschaft, durch die begünstigten Landkreise gesondert berücksichtigt werden. ►c. Langfristige Sicherung des Denkmals Gut Merberich und seines kulturgeschichtlichen Wertes durch von diesem Gutachten getrennt durchzuführende Untersuchungen potenzieller weiterer Belastungen (Lärm, Schattenwurf, Licht). und eine zukünftige sehr sorgfältige Überwachung dieser Aspekte durch die Genehmigungsbehörden. Weiterführende Erläuterungen zu diesen Untersuchungsergebnissen befinden sich in Kapitel 4 dieses Gutachtens (Seite 38). 4 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University 1. Einleitung 1.1 Ziel und Hintergrund des Gutachtens Die Firma Energiekontor AG plant derzeit, den Windpark Halde Nierchen durch ein so genanntes 'Repowering' zu ertüchtigen. Geplant ist, die hier vorhandenen neun Windenergieanlagen durch vier neue Anlagen mit einer größeren Gesamthöhe von bis zu 170 Metern zu ersetzen. Durch die Modernisierung des Windparks Halde Nierchen würde dessen Stromproduktion mehr als verdoppelt, rund 8.000 Haushalte könnten dann zukünftig mit Strom versorgt werden. Das LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland nahm am 17.11.2014 zu diesen Planungen Stellung. Hier wurde darauf hingewiesen, dass negative Auswirkungen auf das Denkmal Gut Merberich und seine kulturlandschaftliche Einbettung entstehen könnten. Es wurde u.a. angemerkt, dass ‒ zusätzlich zu den bereits bestehenden zahlreichen visuellen Beeinträchtigungen im Umfeld des Denkmals Gut Merberich ‒ durch das geplante Repowering noch eine weitere Verschlechterung eintreten könnte. Ferner wurde angeführt, dass durch das Repowering durch Lärm, Schattenwurf und Licht noch weitere Belastungen für die Bewohner entstehen könnten, die sich für "die langfristige Wohnnutzung und damit die Erhaltung des Baudenkmals Gut Merberich verhängnisvoll auswirken können". Man regte deshalb an, dass "durch geeignete Vorkehrungen (Einhaltung eines größtmöglichen Abstandes durch Verlagerung der nächstgelegenen Anlage auf die südwestliche Seite der Halde, Reduzierung der Nabenhöhe, nächtliche Abschaltung) die Auswirkungen auf die Bewohner des Guts gemildert werden" (Stellungnahme LVR, 2014). Vor diesem Hintergrund wurde das Büro scheuvens+ wachten in Kooperation mit dem UNESCO-Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University, von der Firma Energiekontor AG beauftragt, die zu erwartenden negativen und positiven visuellen Auswirkungen des geplanten Repowerings auf das Denkmal Gut Merberich aus unabhängiger gutachterlicher Sicht zu beurteilen. Im vorliegenden Gutachten wird folglich ausschließlich Bezug genommen auf die zu erwartenden visuellen Einflüsse auf das Denkmal Gut Merberich durch das geplante Repowering des Windparks auf Halde Nierchen. Ziel des vorliegenden Gutachtens ist es ebenfalls, auf dieser Basis Handlungsempfehlungen zum zukünftigen Vorgehen vorzuschlagen. Die im Schreiben des LVR-Amts für Denkmalpflege vorgebrachten Aspekte zusätzlicher Emissionen durch Lärm, Schattenwurf und Licht sind ausdrücklich nicht Gegenstand dieses Gutachtens. 1.2 Erläuterungen zum Vorhabensumfeld und zu den Planungen des Repowerings von Windenergieanlagen auf Halde Nierchen Die Halde Nierchen ist eine etwa 70 m hohe, teilweise bewachsene Abraumhalde zwischen Eschweiler und Langerwehe mit einer Höhe von ca. 220 m über NN. Sie umfasst eine Fläche von ca. 140,46 ha. Die Halde entstand seit den 1960er Jahren um den Abraum des benachbarten 5 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University Braunkohletagebaus Inden zu lagern. In den 1970er Jahren wurde die Halde renaturiert. Die Außenböschungen wurden aufgeforstet und die ca. 51,20 ha große Hochfläche mit zwei Metern Löss bedeckt. Seit 1973 sind diese Renaturierungsarbeiten beendet. Seit 1998 wird die Halde als Windpark mit neun Windrädern sowie als Landwirtschaftsfläche genutzt. Das Denkmal Gut Merberich liegt unmittelbar nordöstlich von Halde Nierchen. Abb. 1: Situation der Halde Nierchen mit den bestehenden neun Windkraftanlagen. Nordwestlich der Halde der Ortskern von Eschweiler-Weisweiler, nordöstlich der Halde der Ortskern von Langerwehe. Gut Merberich (roter Kreis) liegt zwischen Halde Nierchen und dem Ortskern Langerwehes (roter Kreis). (Quelle: Energiekontor Bremen) Die neun bereits bestehenden Windkraftanlagen auf Halde Nierchen vom Typ Nordex N-54 haben eine Gesamthöhe von 87 Metern, eine Nabenhöhe von 60 Metern und einen Rotordurchmesser von 54 Metern. Eigentümer und Betreiber ist die Firma Energiekontor AG aus Bremen. Die einzelnen Anlagen haben eine Leistung von einem Megawatt, die Gesamtleistung des Windparks beträgt somit neun Megawatt. Geplant ist, diese bestehenden neun Anlagen im Rahmen des 'Repowerings' durch vier neue Anlagen mit einer größeren Gesamthöhe von bis zu 170 Metern zu ersetzen. Drei der Anlagen sollen auf der Westseite, eine auf der Ostseite von Halde Nierchen platziert werden. Ausgehend von dieser Größenvorgabe wird für dieses Gutachten angenommen, dass die zu errichtenden vier Windenergieanlagen eine Nabenhöhe von 110m und einen Rotordurchmesser von 120m aufweisen werden. Geringfügige Abweichungen von diesen Annahmen bei der Realisierung des Vorhabens sind möglich, ohne dass grundsätzliche Aussagen dieses Gutachtens dadurch in Frage gestellt werden. 6 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University Abb. 2a, b: Derzeitige und geplante zukünftige Situation der Windkraftanlagen auf Halde Nierchen. Nordöstlich der Halde Gut Merberich (roter Kreis). (Quelle: Energiekontor Bremen) Die geplanten Windkraftanlagen verfügen wie alle gängigen Anlagen dieser Größenordnung über drei verstellbare Rotorblätter, die zur Vermeidung von Lichtreflektionen mit einem matten Grauton beschichtet sind. Aufgrund der Höhe der Anlagen ist eine Tages- und Nachtkennzeichnung erforderlich. Die Tageskennzeichnung erfolgt entweder an der Spitze der Rotorblätter (6.00 Meter rote Farbe, 6.00 Meter graue Farbe, 6.00 Meter rote Farbe) oder ausschließlich durch ein 6.00 Meter großes Farbfeld an der Spitze der Rotorblätter und ein weißes Blinklicht an der Turmspitze. Zudem erhält jeder Turm einen 3.00 Meter breiten roten Farbring in 40.00 Metern Höhe. Am Maschinenhaus ist zusätzlich ein orange-roter Streifen anzubringen. Die Nachtkennzeichnung kann durch ein rotes Blinklicht an der Turmspitze oder eine Befeuerung am Turm ohne Blinken erfolgen. Bisher ist nicht bekannt, welche Variante für die Tages- und Nachtkennzeichnung gewählt wird. Abb. 3: Dimensionen der geplanten Windenergieanlagen auf Halde Nierchen (Energiekontor Bremen) 7 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University 1.3 Fazit: Erläuterungen zur Methodik und zum Untersuchungsaufbau Um prüfen zu können, ob im Rahmen des geplanten Repowerings signifikante visuelle Beeinträchtigungen des Denkmals Gut Merberich entstehen könnten, wurde das vorliegende Gutachten in folgenden drei Schritten aufgebaut: ►Schritt 1. Analyse des Denkmals Gut Merberich hinsichtlich seiner kulturgeschichtlichen Bedeutung und signifikanter Merkmale seiner Einbettung in die Kulturlandschaft. Ziel: Definition kulturhistorisch relevanter Sichtbeziehungen zwischen dem Schutzgut und seiner kulturlandschaftlichen Umgebung. ►Schritt 2. Visualisierung der Windkraftanlagen (vor und nach Repowering) mittels eines 3DComputermodells und GPS-referenzierter Digitalaufnahmen. Ziel: Beurteilung der Visualisierungen im Hinblick auf potenzielle visuelle Beeinträchtigungen des Denkmals Gut Merberich. ►Schritt 3. Abschließende gutachterliche Beurteilung der Sachlage. Ziel: Erarbeitung von Handlungsempfehlungen. Nachstehend werden diese Schritte genauer erläutert. ►Schritt 1: Analyse des Denkmals Gut Merberich hinsichtlich seiner kulturgeschichtlichen Bedeutung und signifikanter Merkmale seiner Einbettung in die Kulturlandschaft Wesentlich für die gutachterliche Einschätzung der Auswirkungen der neuen Windkraftanlagen auf das Denkmal Gut Merberich ist dessen kulturhistorischer (Denkmal)Wert. Im ersten Schritt des Gutachtens erfolgt deshalb zunächst eine Analyse der Begründung zur Einschreibung Gut Merberichs in die Denkmalliste. Im Anschluss erfolgt auf dieser Basis eine kompakte Untersuchung der Entstehungsgeschichte des Denkmals sowie der charakteristischen Besonderheiten, die den Denkmalwert Gut Merberichs bestimmen. Da die Fragestellung des Gutachtens (bzw. die Stellungnahme des LVR-Amts für Denkmalpflege) insbesondere auch die Wechselwirkungen zwischen dem Schutzgut und seiner kulturlandschaftlichen Umgebung betrifft, wurden im Rahmen der Analyse historische und aktuelle Quellen und Karten herangezogen. Ziel war, so die Wechselwirkungen zwischen dem Schutzgut und seiner Umgebung möglichst detailliert qualifizieren und umschreiben zu können. Zusätzlich erfolgte eine Vor-OrtUntersuchung, um die theoretisch ermittelten Ergebnisse zu verifizieren. Auf dieser Basis wurden kulturhistorisch relevante Sichtbeziehungen zwischen dem Denkmal Gut Merberich und seiner Umgebung bestimmt, die als Grundlage für die im zweiten Arbeitsschritt zu erstellenden Visualisierungen herangezogen wurden. 8 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University ►Schritt 2: Visualisierung der Windkraftanlagen (vor und nach Repowering) mittels eines 3DComputermodells und GPS-referenzierter Digitalaufnahmen, Bewertung der Visualisierungen. Im zweitem Schritt des Gutachtens erfolgte die Visualisierung der geplanten Windenergieanlagen und deren Bewertung im Hinblick auf die vorangegangene Analyse. Entscheidend für die Aussagekraft der Visualisierungen ist, dass deren technischer Erstellungsweg so gewählt wird, dass sie der menschlichen Wahrnehmung möglichst nahe kommen. Generell ist für die Aussagekraft und Beurteilung der Visualisierungen ein sehr hohes Maß an Präzision erforderlich. Die Visualisierungen wurden deshalb auf Basis eines 3D-Computermodells entwickelt, so dass dieses Höchstmaß an Präzision gewährleistet ist. Weiter wurden im Rahmen der Erstellung der Visualisierungen Digitalaufnahmen erstellt, die via GPS verortet wurden und somit an das Computermodell referenzierbar sind. Diese Technik erlaubt es, im Computer eine virtuelle Kameraaufnahme zu erstellen, die dann mit der gleichen Fotoaufnahme in 'Realität' exakt überlagert werden kann. Insgesamt entstanden so Visualisierungen, die die geplanten Windenergieanlagen in ihrer Umgebung zu hundert Prozent genau und der menschlichen Wahrnehmung entsprechend zeigen. Diese Methodik ist technisch ausgereift und hat sich bereits bei zahlreichen weiteren vom UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes erstellten vergleichbaren Gutachten bewährt. ►Schritt 3: Abschließende gutachterliche Beurteilung der Sachlage. Erarbeitung von Empfehlung für zukünftige Handlungskorridore Als letztem Schritt der Untersuchung wurden die zu erwartenden Veränderungen im Hinblick auf die zuvor erfolgten Analyseschritte gutachterlich beurteilt. Ebenfalls wurden Empfehlungen für zukünftige Handlungskorridore erarbeitet. Abschließend wurden die Ergebnisse des Gutachtens schriftlich zusammengefasst. 9 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University 2. Das Denkmal Gut Merberich und sein kulturgeschichtlicher Wert Im folgenden Kapitel werden das Denkmal Gut Merberich und sein kulturgeschichtlicher Wert analytisch betrachtet. Ein Fokuspunkt dieser Analyse bilden die konzeptionellen Gedanken des Architekten Emanuel von Seidl, der Gut Merberich in den Jahren 1911 bis 1912 umgestaltete und erweiterte. Eine besondere Rolle spielen hierbei Seidls Gedanken zur Einbettung Gut Merberichs in die umgebende Kulturlandschaft, um wesentliche Sichtpunkte und Sichtbeziehungen von kulturhistorischer Relevanz herausarbeiten zu können. Ziel ist, hierdurch eine belastbare Grundlage für die Auswahl von Sichtpunkten und die Bewertung möglicher negativer und positiver Auswirkungen des geplanten Repowerings von Halde Nierchen auf das Denkmal Gurt Merberich zu schaffen. Als Ausgangspunkt für diese Analyse wird zunächst die Begründung der Eintragung Gut Merberichs in die Denkmalliste näher betrachtet. Im Anschluss werden Teilaspekte des besonderen kulturgeschichtlichen Wertes Gut Merberichs näher herausgearbeitet. 2.1 Denkmalwert von Gut Merberich (Denkmalliste) Gut Merberich wurde 1982 in die Denkmalliste eingetragen. Im BODEON-Objektblatt des LVR-Amtes für Denkmalpflege im Rheinland wurde ausdrücklich vermerkt, dass sich diese Eintragung nicht nur auf das Gebäudeensemble von Gut Merberich, sondern auch auf die umgebende Parkanlage bezieht. Im Eintragungstext gab man weiterhin an, dass das Schutzgut eine mittelalterliche Neugründung über einer römischen Siedlungsstelle war, die 1912 durch den Architekten Emanuel von Seidel umgebaut wurde. Im detaillierten Beschrieb des Gebäudeensembles von Gut Merberich werden die größtenteils im Original erhaltene Innenausstattung "mit Türen, Stuckdecken, Treppenhaus und Vertäfelung" sowie das "Einfahrtstor und [der] Landschaftspark" hervorgehoben. Der Denkmalwert Gut Merberichs wird ferner damit begründet, dass es sich bei dem Ausbau durch den Architekten Emanuel von Seidel "um eine interessante und sehr späte Variante eines ländlichen, nunmehr bürgerlichen Herrensitzes" handelt, der "einen alten Rittersitz in ein dem Zeitgeschmack entsprechendes Landhaus mit historischem Kern verändert[e]". Weiter heißt es, dass "im ländlichen Bereich des Rheinlandes [...] diese Bauform, zumal in dieser Qualität und recht originalen Erhaltung, nicht sehr verbreitet" sei (LVRAmt: BODEON-Objektblatt, Auszug vom 22.06.2015). In seinem Schreiben vom 17.11.2014 wies das LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland auf eventuelle negative Auswirkungen des geplanten Repowerings auf Halde Nierchen auf die kulturlandschaftliche Einbettung des Denkmals Gut Merberich hin. Vor diesem Hintergrund ist herauszuarbeiten, welche der o.g. charakterisierenden und für den kulturgeschichtlichen Wert entscheidenden Aspekte des Denkmals Gut Merberich zukünftig durch die entstehenden visuellen Veränderungen eventuell beeinträchtigt werden könnten. Im Fokus der nachstehenden Analyse des kulturgeschichtlichen Wertes von Gut Merberich stehen daher folgende Fragen: 10 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University ►Welche Aspekte sind für das Gebäudeensemble von Gut Merberich, das 1912 zu einem bürgerlichen Herrensitz umgebaut wurde, charakterisierend und welche Elemente sind entscheidend im Hinblick auf seinen kulturgeschichtlichen Wert? ►Welche Aspekte bestimmen die Verknüpfung des Gebäudeensembles von Gut Merberich mit dem umgebenden Landschaftsgarten respektive seiner kulturlandschaftlichen Umgebung? ►Welche Sichtpunkte und Sichtbeziehungen von besonderer kulturhistorischer Relevanz bestehen zwischen Gut Merberich und seiner kulturlandschaftlichen Umgebung und könnten eventuell beeinträchtigt werden? Diese Aspekte werden daher in den nachstehenden Abschnitten genauer betrachtet. 2.2 Stichworte zur Entstehungsgeschichte und heutigen Situation Gut Merberichs Das Landgut Merberich, ca. ein Kilometer westlich des Ortskerns von Langerwehe gelegen, hieß ursprünglich Marbach. Dieser Name erklärt sich vermutlich durch den gleichnamigen Bach, der etwa 200 Meter südlich des Gebäudeensembles entspringt, das Gelände durchfließt und zwei unterhalb des Hofgutes liegende Teiche speist (Sielmann, 1989). Seit dem 18. Jahrhundert wurde das Landgut unter dem Namen 'Merberich' erwähnt. Das heutige Anwesen blickt auf eine lange Geschichte zurück. Es gilt als sicher, dass das Gelände bereits in römischer Zeit besiedelt war. Um 1324 gehörte das Anwesen zur Burg Stolberg. 1547 war das Gut im Besitz von Anna von Schönrode, Subpriorin des Klosters Wenen. 1698 wechselte das Gut in den Besitz von Matthias von Wyhe und im 18. Jh. war das Anwesen urkundlich als Besitz des Freiherrn von Woestenradt erwähnt. 1895 wurde Gut Merberich von der Familie Hasenclever erworben. Der Besitzer des Landgutes, Edwin Hasenclever (1872-1928), beauftragte 1911 vor seiner Heirat mit Irma Hasenclever (1877-1960) den Architekten Prof. Emanuel von Seidl (1856-1919) mit dem Umbau des Anwesens. Irma Hasenclever war eine Tochter des Industriellen August Prym, dessen Firma mit der Produktion von Kurzwaren weltweite Bedeutung erlangt hatte. Ziel war deshalb, das Landgut zu modernisieren und zu einem schlossartigen bürgerlichen Herrensitz auszubauen, der der gesellschaftlichen Stellung des gutsituierten Ehepaars entsprach. Es gilt als sicher, dass dies auf Veranlassung August Pryms geschah, der seine Tochter in einem standesgemäßen Anwesen untergebracht wissen wollte und den Umbau auch finanziell unterstützte (Dokumentation Dr. Wullenweber). In der Folge wurde das alte, ca. 1750 erbaute Haupthaus sowie der um 1650 errichtete Pferdestall durch ein neues Haupthaus sowie eine Hofeinfriedung ergänzt, die durch einen offenen achteckige Pavillon ('Gazebo') akzentuiert wird (KuLaDig). 11 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University Abb 2.1: Gut Merberich kurz nach der Fertigstellung. Direkt hinter der Hofeinfahrt ist das neue Haupthaus zu sehen. (Abbildung entnommen aus 'Deutsche Kunst und Dekoration, Band XXXV, 1914) Der Architekt Emanuel von Seidl hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits insbesondere im Großraum München durch zahlreiche Villenbauten für gutsituierte Bürger einen Namen gemacht. In GarmischPartenkirchen hatte Seidl 1907 unter anderem eine Villa für den Komponisten Richard Strauss errichtet. Auch für den Vater von Irma Hasenclever, August Prym, hatte Seidl in Stolberg 1910-11 ein schlossartiges Wohnhaus, die Villa Waldfriede, entworfen, die zu Seidls eindrucksvollsten Werken gehört. (Kunstmann, 1989, 232, vgl. auch Abb. 2.5 a, b). Unmittelbar darauf erhielt Seidl den Auftrag zur Umgestaltung und Erweiterung Gut Merberichs. Im Ersten Weltkrieg diente Gut Merberich als Lazarett für verwundete deutsche Soldaten ('Hasencleversches Lazarett'). In der Zwischenkriegszeit entwickelte es sich zu einem kulturellen und gesellschaftlichen Mittelpunkt des Raums Düren-Stolberg. "Konzerte, Balettabende und Theateraufführungen zogen illustre Gäste und namhafte Künstler nach Langerwehe" (Kunstmann, 236). Gut Merberich war jedoch ebenfalls ein erfolgreicher landwirtschaftlicher Betrieb, der als Musterund Lehrhof anerkannt war. Milch aus Gut Merberich wurde ihrer guten Qualität wegen als Säuglingsund Kleinkindmilch verwendet und mit der Bahn zu Aachener Molkereien versandt (Sielmann, 1989). Nachdem Edwin Hasenclever 1928 verstarb, führte seine Frau das Landgut mit Hilfe des Verwalters Baron von Kersting weiter. Kersting wohnte selbst auf dem feudalen Hof Luginsland, der nur 600m von Gut Merberich entfernt war und ebenfalls zu Gut Merberich gehörte (Sielmann, 1989). Gut 12 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University Luginsland besteht heute nicht mehr, da es im Zuge der Aufschüttung der Abraumhalde Nierchen vollständig eingeschüttet wurde. 1944 wurde Gut Merberich im Zuge der kriegerischen Auseinandersetzungen an der Westfront schwer beschädigt. Durch Einquartierungen alliierter Soldaten wurde das Anwesen weiter in Mitleidenschaft gezogen. Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg der Neffe Robert Hasenclever in die Leitung des Gutes ein, da Irma und Edwin Hasenclevers Ehe kinderlos geblieben war. Nach dem Tod Roberts 1953 übernahm dessen Sohn Peter für kurze Zeit den Hof, verkaufte ihn jedoch bereits 1956 an die Firma Rheinbraun, die große Teile des Geländes als Abraumhalde des Tagebaus Inden nutzte. Irma Hasenclever verstarb 1960 in Langerwehe (Sielmann, 1989). In der Folge verblieb das Gutshaus zwar außerhalb der Abraumhalde Nierchen, das vom Krieg gezeichnete Gebäude stand jedoch zeitweise leer und wurde mehrere Jahre von Obdachlosen als Behausung genutzt. Durch den Erwerb der Anlage durch den Tierarzt Dr. Peter Behrendt 1970 wurde die Anlage vor dem vollständigen Verfall bewahrt. Behrendt begann, Teile von Gut Merberich in Stand zu setzen, besaß jedoch nicht die Mittel für eine vollständige Sanierung. Für kurze Zeit wurde die Anlage ebenfalls für einen Herbergsbetrieb und ein Café benutzt (KuLaDig). Abb 2.2: Gut Merberich kurz nach der Fertigstellung, Blick vom Weiher. (Abbildung entnommen aus 'Deutsche Kunst und Dekoration, Band XXXV, 1914) 2003 wurde das Anwesen schließlich von dem Zahnarzt Dr. Wullenweber erworben, der das Landgut seither schrittweise saniert. Bis 2013 wurde eine denkmalgerechte Komplettsanierung durchgeführt, in die auch der angrenzende Landschaftsgarten mit einbezogen wurde. Die mittelalterlichen Mauern wurden in Stand gesetzt, alle Dächer im alten Stil erneuert, der offene achteckige Pavillon am Hof 13 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University ('Gazebo') wieder aufgebaut. Ebenfalls wurden die alten Raumzuschnitte wieder hergestellt und die Böden saniert. Auch die Nebengebäude wurden schrittweise saniert und werden heute überwiegend zu Wohnzwecken genutzt. Daneben wurde der angrenzende Landschaftsgarten, der ebenfalls auf die Planungen von Emanuel von Seidl zurückgeht, in seiner originären Konzeption wieder hergestellt. Wullenweber erwarb ebenfalls die ehemalige Gutskapelle, die 1958 von Irma Hasenclever an die Kirche Langerwehe verschenkt worden war, wieder hinzu. Ebenfalls wurden ehemalige Ländereien des Landgutes wieder hinzugekauft. Heute gehören 37 von ursprünglich 200 Hektar Land wieder zum Gutsbesitz. Die ehemalige Obstbaumallee zum Gut Luginsland sowie eine östlich des Gutes situierte Streuobstwiese wurden kürzlich wieder mit Obstbäumen bepflanzt (KuLaDig). 2.3 Stichworte zu Emanuel von Seidl, Architekt von Gut Merberich Der heute relativ unbekannte Architekt des Gutes Merberich, Prof. Emanuel von Seidl, wurde als dritter Sohn des Münchner Bäckermeisters August Seidl (1806-1869) geboren. August Seidl war ein wohlhabender Münchner Bürger und Magistratsrat, der durch seine Heirat mit der Tochter des Bierbrauers Gabriel Sedlmayr in eine weitverzweigte Münchner Bürgerfamilie eingeheiratet hatte. August Seidl sammelte in großem Stile Altertümer und agierte auch als Kunstförderer, weshalb in seinem Haus häufig bekannte Künstler ein und ausgingen. Diese Umgebung und die mit ihr verbundene "strenge künstlerische Erziehung" (Kunstmann, 1989, 11) prägten Emanuel von Seidl. Seidl merkte später selbst an, dass das künstlerische Empfinden eines Architekten nicht künstlich anerzogen, sondern vielmehr "mit der Muttermilch eingesogen und im Elternhaus und in praktischer Anschauung herangebildet werden muss" (Kunstmann, 1989, 12). Seidls älterer Bruder Gabriel hatte ebenfalls Architektur studiert, arbeitete ab 1876 als eigenständiger Architekt in München und erlangte schnell große Bekanntheit. Emanuel von Seidl trat Ende der 1870er Jahre nach seinem Architekturstudium in die Firma seines Bruders, Seitz & Seidl ein und übernahm dort die Leitung der Innendekoration (Kunstmann, 1989, 12). Abb. 2.3: Emanuel von Seidl (Quelle unbekannt) Im Jahre 1888 trat Seidl erstmals mit Entwürfen für die Bauten der Deutsch-Nationalen Kunstgewerbe-Ausstellung als Architekt hervor und machte sich danach schnell einen Namen. Kurze 14 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University Zeit später absolvierte Seidl seine ersten Auslandsreisen. 1891 hielt er sich mehrere Monate in London auf und setzte sich dort mit der damals führenden englischen Baukunst auseinander. Bereits 1893 lässt sich ein Einfluss dieser Reise in Seidls Arbeiten feststellen. Beispielsweise zeigen sich in dem von ihm gemeinsam mit seinem Bruder Gabriel entworfenen Schloss Ramholz Charakteristika des englischen Baustils, insbesondere englischer Schlossbauten, deutlich. Die von Seidl 1894-95 in Konstanz errichtete Villa Remy wird ebenfalls durch Einflüsse englischer Villenarchitektur geprägt. (Kunstmann, 1989, 14). Weitere ausländische Einflüsse erhielt Seidl durch einen Italienaufenthalt. Vor allem Seidls Innendekorationsentwürfe wurden fortan durch Anlehnungen an römisch-antikisierende Formen bestimmt. Abb. 2.4 a, b: Villa Remy (entnommen aus: Kunstmann,1989) Unter anderem über seinen bereits seit 1888 arrivierten Bruder Gabriel erhielt Emanuel von Seidl erste größere Aufträge. Verschiedene größere Projekte wurden von den beiden Brüdern auch gemeinsam umgesetzt. Nach Gabriels Tod im Jahre 1913 führte Emanuel verschiedene Projekte seines Bruders zu Ende, unter anderem den Neubau des Deutschen Museums in München. Seidls Herkunft aus dem großbürgerlichen Milieu eröffnete ihm rasch Wege zu weiteren großen Bauprojekten. Seine Tätigkeit als Villenarchitekt für die reichsten Bürger Bayerns brachte ihm schnell ein großes Vermögen ein, das sich 1914 auf 2 Millionen Mark belief (Kunstmann, 1989, 18). Bereits 1901 konnte Seidl für sich selbst ein repräsentatives Landhaus mit einem großen Park errichten, das ebenso wie sein für sich selbst entworfenes Wohnhaus in der Seidlstraße 7-11 (früher Hasenstraße) als Musterhaus für seine Kunden diente. In der Folge errichtete von Seidl zahlreiche Bauten, unter Ihnen Ausstellungsgebäude, städtische Wohngebäude sowie Kur- und Vereinshäuser. Insbesondere jedoch gehören zu Seidls Œuvre auch Schlösser und schlossartige Villen, wobei sich die Unterschiede zwischen diesen beiden Typologien, zu denen auch Gut Merberich zu rechnen ist, mitunter nur relativ schwer abgrenzen lassen. 15 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University 2.4 Stichworte zu den Gestaltungsprinzipien von Seidls Villenbauten 1908 erreichte von Seidl große Anerkennung durch den Bau des Hauptrestaurants auf der Eröffnungsausstellung 'München 1908' auf der Theresienhöhe. Zuvor hatte er im städtebaulichen Wettbewerb für dieses Projekt den zweiten Platz mit einem Projekt belegt, dass den "innigen, schönen Kontakt zwischen Landschaft und Architektur" zu seiner Hauptaufgabe machte (Kunstmann, 1989, 25). Dieser Aspekt, die Verknüpfung zwischen Landschaft und Architektur, spielt auch bei Seidls zahlreichen Villenbauten eine zentrale Rolle. Seidl hatte sich bereits spätestens seit der Jahrhundertwende einen Namen als Villenarchitekt gemacht (Kunstmann, 1989, 60). Nicht nur Adlige oder gutsituierte Künstler wie der o.g. Komponist Richard Strauß, sondern vor allen Dingen auch "Fabrikanten, Brauereibesitzer, Werkdirektoren, Kaufleute und Bankiers" waren ab der Jahrhundertwende die "überwiegende Mehrheit" seiner Auftraggeber (Kunstmann, 1989, 59). Viele der reichsten Männer Bayerns zählten zu diesem Kundenstamm. Auch in anderen Teilen Deutschlands errichtete Seidl Villenbauten. Im Rheinland zählten neben August Prym weitere Fabrikbesitzer wie der Dürener Papierfabrikant Schoeller, der Glashüttenbesitzer Peill und der Inhaber der Vorwerk-Werke August Mittelsten Scheid sowie die Textilfabrikanten Engländer zu Seidls Kunden (Kunstmann, 1989, 59). Abb. 2.5 a, b: Villa 'Waldfriede' wurde von Emanuel von Seidl für den Industriellen August Prym errichtet. (Abbildungen entnommen aus: Kunstmann,1989) Das Repräsentations- und Geltungsstreben dieser bürgerlichen gesellschaftlichen Elite reflektierte Seidl in seinen oft schlossartig gestalteten Villenbauten. Die meisten von Seidl entworfenen Villen stehen auf dem Land, worin sich zeigt, dass sich in der bürgerlich geprägten deutschen gesellschaftlichen Oberschicht Ende des 19.Jahrhunderts eine starke Tendenz zur Stadtflucht entwickelt hatte. Die Einbettung seiner Gebäude in der umgebenden Landschaft und die hiermit verbundene Nutzung von Blickpunkten (Points-des-vues) sah Seidl als ein entscheidendes Qualitätsmerkmal der von ihm entworfenen Landvillen an. Diese Blickpunkte "konnten ein Tal, beispielsweise das Rheintal, eine Burg oder ein See sein" (Kunstmann, 1989, 64). Als Beispiel hierfür kann Seidls eigene Landvilla in Murnau stehen, deren Lage er folgendermaßen beschrieb: "Ein malerisches Dorf bildet einen reizenden Vordergrund, während eine Kette von Bergen, die sich immer weiter kulissenförmig bis zum Wettersteingebirge in wundervoller Gruppierung vertiefen, das ganze 16 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University Bild umrahmt. Abseits stehen große hundertjährige Eichen am Rande einer tiefen Schlucht." (Kunstmann, 1989, 64). Das Aufsuchen und Inszenieren spezifischer Landschaftsbilder durch die Gestaltung seiner Gebäude stand damit für von Seidl im Mittelpunkt seines architektonischen Schaffens. Neben der Lage in der Landschaft spielte für Seidl auch das "Verhältnis von Haus und Garten und dessen Lage im Grundstück" eine wesentliche Rolle, weswegen der Garten in der Regel zwischen Haus und Point-de-vue angelegt wurde. Das Landschaftserlebnis entwickelte sich also in einer Richtung über Veranda und Terrasse in die Landschaft hinein" (Kunstmann, 1989, 65). Seidls Landvillen, die nahezu immer in Hanglage und auf großen Arealen errichtet wurden, besaßen daneben in der Regel auch großzügige Anfahrtshöfe, Wirtschafts- oder Vorgärten. Trotz ihrer distinguierten Lage gestaltete Seidl seine Villenbauten zumeist so, dass eine "Allansichtigkeit" (Kunstmann, 1989, 65) entstand. Charakterisierend für Seidls Bauten ist damit, dass aus allen Blickrichtungen verschiedene Teilansichten entstanden, die sich zu einem meist schlossartigen Gesamteindruck zusammensetzen. Hierin zeigt sich der Drang zu Repräsentation und Selbstdarstellung der Besitzer dieser Anwesen ebenso wie in den untrennbar mit den Villen verbundenen ausgedehnten Garten- und Parkanlagen. Wie bei den von ihm entworfenen Gebäuden sind auch bei diesen durch Seidl gestalteten Landschaftsgärten englische Einflüsse deutlich feststellbar. Im Mittelpunkt von Seidls Gartengestaltungen steht der aus dem Repertoire englischer Landschaftsgärten übernommene Ansatz, bestehende Landschaftsbilder aufzugreifen und im Sinne eines 'Place-Makings' durch eine entsprechende Gestaltung zu inszenieren (Kloos, 2014, 250ff). Seidl plante seine Gärten ebenso wie seine Gebäude bis ins Detail. Sie enthielten neben organisch geformten Wegen, die meist Pavillons sowie Aussichtspunkte mit Bänken und Teichen zum Ziel hatten, in der Regel auch Nutzgärten oder einen "Lawn-Tennisplatz" (Kunstmann, 1989, 66). Ziergärten, Freizeiteinrichtungen und traditionelle Elemente der Bewirtschaftung wurden so unmittelbar miteinander verknüpft. Auch bei den von Seidl angewandten Gestaltungsprinzipien der Haupthäuser der von ihm entworfenen Landsitze lassen sich Gemeinsamkeiten erkennen. In der Regel sind diese Gebäude dreigeschossig und besitzen eine Mansarde, die häufig zur Unterbringung von Dienstboten oder Gästezimmern genutzt wurde. Vortretende halbrunde oder gebogene Terrassen verband Seidl oftmals über geschwungene Freitreppen mit dem Garten. Auch die Eingangssituation der Haupthäuser wird in der Regel durch geschweifte Treppen geprägt, die durch Überdachungen noch besonders betont werden. Typisch für die von Seidl gewählte Formensprache ist ebenfalls eine Durchdringung verschiedener Baukörper, die bewirkt, dass "vor und zurückspringende Fassadenteile entstehen" (Kunstmann, 1989, 70). Viele von Seidls Villenbauten werden durch separate Treppentürme charakterisiert, die häufig durch die Anordnung von Belvedères zusätzlich akzentuiert werden und so eine schlossartige Konnotation erzeugen. Dies ergänzt sich komplementär mit einer bewegten Dachlandschaft, die durch hochgezogene Schornsteine, unterschiedliche Gaubenformate sowie die separate Bedachung einzelner Gebäudeteile entsteht. 17 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University Ein weiterer wesentlicher Bestandteil von Seidls Landvillen waren die Nebengebäude. "Tor- und Kutschenremisen, Ställe, Eiskeller, Gärtner- oder Hausmeisterwohnhäuser bilden zusammen mit den Haupthäusern ein malerisches Erscheinungsbild. Im Hinblick auf ihre Gestaltung entsprachen diese Nebengebäude den Villen" (Kunstmann, 1989, 67). Gemeinsam mit den Haupthäusern sowie großzügigen Anfahrtshöfen manifestierten sich Seidls Villenbauten so als eine gestalterische Einheit. Grundrisse gestaltete Seidl in der Regel von innen nach außen, wodurch wird der "Zusammenhang zwischen Haus und Natur der Seidelschen Bauten besonders hervorgehoben" wird. "Türme, Risalite, Loggien und Terrassen", so Joanna Waltraud Kunstmann, "werden so angelegt, daß sie Ausblicke besitzen oder sich der Umgebung anpassen". Fensteröffnungen richten sich daher an der Konzeption der Grundrisse aus, weshalb sie ebenfalls differenziert gestaltet werden. "Repräsentative Räume besitzen häufig breite Korbbogenfenster, während Nebenräume durch schlichtere Fenstergestaltungen charakterisiert werden" (Kunstmann, 1989, 71). Insgesamt verstand Seidl seine Häuser prinzipiell als ein Gesamtkunstwerk, in dessen Rahmen nicht nur die Gebäude und die angrenzenden Landschaftsgärten gemeinsam zu entwerfen waren. Vielmehr galt es auch die Gestaltung der Grundrisse, die Einrichtung der Interieurs, aber auch der Fassadengestaltung integriert mit diesen Aspekten zu betrachten und alle Komponenten zu einem stimmigen Ensemble zusammen zu fügen. 2.5 Stichworte zur Typologie und Gestalt des Denkmals Gut Merberich In Gut Merberich zeigen sich diese unterschiedlichen Komponenten von Seidls Gestaltungsprinzipien praktisch lückenlos. Dies zeigt sich bereits in der Grundanlage des Anwesens. In dem er die bestehenden Nebengebäude und das frühere Haupthaus durch einen Neubau zu einer durchgehenden Einheit ergänzte, integrierte Seidl das neue Haupthaus in den Baubestand, so dass ein einheitliches Ensemble entstand. Seidl nahm die Flucht des bestehenden Wohnhauses auf und fasste beide Gebäude mit einem einheitlichen Ziegeldach, das durch unterschiedliche Gaubenformen akzentuiert wird, zusammen. Auch in der Wahl weiteren des Baumaterials lehnte sich Seidl an den Bestand an. Der ummauerte, direkt am angrenzenden Teich liegende Anfahrtshof und der hier angeordnete achteckige Pavillon ('Gazebo') vervollständigen dieses Ensemble. Der Anfahrtshof selbst wird durch das Haupthaus und den vorgeschobenen Treppenturm mit Ringpultdach geprägt, der durch eine Fahnenstange weiter akzentuiert wird und dem Anwesen eine schlossartige Ausstrahlung verleiht. Der Zugang zum Treppenturm wird wiederum durch eine überdachte großzügige Freitreppe akzentuiert. Durch die Situierung des Ensembles direkt an einem angrenzenden Teich entwickelte Seidl eine malerische Gesamtanlage, die sich um den großzügigen Anfahrtshof gruppiert (vgl. Abb. 2.1) und durch ihre erhöhte Lage sowohl Blickverbindungen nach Langerwehe als auch zur Jülicher Börde ermöglicht. 18 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University Abb. 2.4: Lageplan Gut Merberich (Abbildung entnommen aus 'Deutsche Kunst und Dekoration, Band XXXV, 1914) Auf der Gartenseite wird der Baukörper des Haupthauses von Gut Merberich durch eine überdachte Säulenloggia geprägt, die zwei angrenzende Risalite mit Zeltdächern miteinander verbindet. Eine Freitreppe verknüpft diesen Gebäudeteil mit dem angrenzenden Landschaftsgarten. So ergibt sich im Wesentlichen eine symmetrische Grundanlage des neuen zweiflügeligen Haupthauses, in deren Zentrum der mittig angeordnete Treppenturm steht, während die Innen- und Außenseite durch Zitate des barocken Schlossbaus geprägt werden. Abb. 2.5: Rückansicht von Gut Merberich (Abbildung entnommen aus 'Deutsche Kunst und Dekoration, Band XXXV, 1914) 19 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University Von diesem zentralen Treppenhaus wird direkt der Gartensaal erschlossen, der über Fenstertüren mit dem Landschaftsgarten verbunden war und von einem Musik- und einem Speisezimmer flankiert wird. Die weiteren Gesellschaftsräume wie den Salon und das Herrenzimmer ordnete Seidl im Westflügel an. Über dem Gartensaal liegt das Frühstückszimmer mit direkter Verbindung zur Loggia, von der aus sich ein Überblick über den angrenzenden Landschaftsgarten ergibt. Die Loggia ist damit ein weiteres wesentliches Element in Seidls Gesamtkonzeption, das das Haus mit dem umgebenden Landschaftsgarten und der hier angrenzenden Kulturlandschaft verknüpft. In Richtung des Anfahrtshofs ermöglicht der Vorplatz vor der Treppe im ersten Geschoss einen Überblick in die entgegengesetzte Richtung, den Anfahrtshof sowie die angrenzenden Landschaftselemente. Abb. 2.6: Blick ins Frühstückzimmer mit angrenzender Loggia und Blick vom Vorplatz des Treppenhauses in Richtung des Anfahrtshofs (Abbildung entnommen aus 'Deutsche Kunst und Dekoration, Ausgabe unbekannt) Auch die Gartengestaltung Gut Merberichs weist fast praktisch alle für Seidl typischen Stilelemente auf. Organisch geformte Wege verbinden die unterschiedlichen Elemente des Gartens. In Seidls Originalplänen ist ebenfalls ein Tennisplatz angeordnet, der heute jedoch nicht mehr existiert. Ein weiteres zentrales Element des von Seidl gestalteten Landschaftsgartens bildet ein Treppenrondell, das in die höher gelegenen Teile des Gartens führt, wo ein Rosenbeet und ein Nutzgarten liegen, die wiederum in die angrenzende Kulturlandschaft übergehen. Der Garten wurde von Seidl so angelegt und in verschiedenen Höhenstufen modelliert, dass einzelne Punkte eine weitläufige Durchsicht auf Gut Merberich und über dessen Gebäude hinweg in die umgebende Kulturlandschaft ermöglichen. Auch mit diesen Stilelementen griff Seidl typische Charakteristika englischer Landschaftsgärten auf, die häufig einen fließenden Übergang zwischen Garten und umgebender Kulturlandschaft zeigen (Kloos, 2014, 250 ff). 20 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University Abb. 2.7a, b: Blick von der Loggia auf das Treppenrondell im Park Gut Merberichs und in die angrenzende Kulturlandschaft sowie Blick durch den Park in Richtung von Gut Merberich (Quelle: LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland) 2.6 Stichworte zum früheren Zustand der kulturlandschaftlichen Einbettung Gut Merberichs Bereits die Umschreibung der Gestaltungsprinzipien von Gut Merberich und dem angrenzenden Landschaftsgarten macht deutlich, dass hier vielfältige Wechselbeziehungen zwischen dem Gebäudeensemble und der umgebenden Kulturlandschaft bestehen. Auch die umgebende Kulturlandschaft selbst wurde wiederum mit spezifischen Elementen gestaltet, die diese Wechselbeziehungen betonen. Hierzu gehören insbesondere die unterschiedlichen Alleen, die auf den Gebäudekomplex Gut Merberichs zulaufen respektive diesen Gebäudekomplex mit weiteren Teilen des Landgutes verbinden. Hier ist zunächst die große Allee zu nennen, die in den Anfahrtshof Gut Merberichs mündet und diesen ursprünglich mit der Langerweher Straße verband (vgl. Abb. 2.1). Gekreuzt wird diese Allee unmittelbar vor dem Eingang des Anfahrtshofs durch den so genannten 'Hohlweg', der aus Osten kommend den angrenzenden Teich tangiert und während der Annäherung an Gut Merberich immer wieder unterschiedliche Blickperspektiven auf das Anwesen vermittelt (vgl. Abb. 2.2). Die Verlängerung dieses Weges mündet in die so genannte Obstbaumallee, die Gut Merberich ursprünglich mit dem ebenfalls zum Landgut gehörenden Gut Luginsland verband. Eine weitere Obstbaumallee befand sich im Süden von Gut Merberich. Von diesen Alleen aus ergaben sich weitläufige Sichtbeziehungen in die umgebende Kulturlandschaft (vgl. Abb. 2.7). Die für Gut Merberich typische Bepflanzung mit Obstbäumen prägte auch auf angrenzenden Streuobstwiesen in unmittelbarer Nähe des Haupthauses. 21 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University Abb. 2.8a, b: Gut Merberich und angrenzende Alleen, Blick durch die Obstbaumallee in Richtung Luginsland (Quelle: LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland) 2.7 Stichworte zum heutigen Zustand der kulturlandschaftlichen Einbettung Gut Merberichs Heute sind viele dieser prägenden Wege- und Landschaftselemente in der Umgebung Gut Merberichs nur noch teilweise, in stark veränderter Form oder gar nicht mehr vorhanden. Eine scharfe Zäsur in der Kontinuität der Pflege der Kulturlandschaft um Gut Merberich bildeten die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg. Denn durch diese Kriegszerstörungen wurde nicht nur der Gutshof selbst stark beschädigt, sondern es ging auch der Baumbestand der in Richtung Gut Luginsland verlaufenden Obstallee verloren. 22 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University Abb. 2.9: Gut Merberich mit Kriegszerstörungen, Aufnahme vermutlich aus der zweiten Hälfte der 1940er Jahre (Quelle: LVRAmt für Denkmalpflege im Rheinland) Erst in jüngster Zeit wurde diese Allee wieder mit Obstbäumen bepflanzt. Eine weitere signifkante Veränderung der originären Kulturlandschaft um Gut Merberich in diesem Bereich stellt die Halde Nierchen dar, durch die eine bewaldete Geländestufe entstand, die zuvor nicht existierte. Diese künstliche Landschaft erhält durch die auf Halde Nierchen angeordneten Windräder noch eine zusätzliche technische Überprägung, die den originären Charakter der Kulturlandschaft weiter verfremdet. Der Blick von der Obstbaumallee in nördliche Richtung wird demgegenüber durch den hier situierten Braunkohletagebau und insbesondere durch das hier liegende außerordentlich großmaßstäbliche Kraftwerk Weisweiler dominiert. Abb. 2.10: Heutiger Zustand der Obstbaumalle in Richtung Gut Luginsland und Blick von der Obstbaumallee zum Kraftwerk Weisweiler. (Quelle: s+w) 23 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University Durch die Aufschüttung von Halde Nierchen ging darüber hinaus der größte Teil der Kulturlandschaft um Gut Merberich verloren. Gut Luginsland wurde samt seiner umgebenden Kulturlandschaft komplett eingeschüttet. Auch die zweite, in südliche Richtung verlaufende Obstbaumallee existiert heute nicht mehr. Abb. 2.11a, b: Projektion der ehemaligen Landbesitzungen Gut Merberichs auf eine Tranchot-Karte aus dem beginnenden 19. Jahrhundert, die ursprüngliche Landschaftsmodellierung zeigt. Im Vergleich hierzu die heutige Ausdehnung von Halde Nierchen mit den ursprünglich zu Gut Merberich gehörenden Gebieten (blaue Markierung). (s+w) Auch die ursprünglich von der Langerweher Straße in Richtung des Anfahrtshofs verlaufende Allee wurde in der Nachkriegszeit stark verändert. Durch die quer hierzu verlaufende Bundesbahntrasse Aachen-Köln ist diese Allee vollständig unterbrochen, so dass deren Erlebbarkeit stark eingeschränkt ist. Zwar bestand die Bahntrasse bereits vor der Errichtung des Gebäudeensembles durch Emanuel von Seidl in den Jahren 1911-12, jedoch war die Allee im originären Zustand dennoch befahrbar. Abb. 2.12 a, b: Allee zwischen Langerweher Straße und dem Anfahrtshof. Links der Blick Richtung Gut Merberich, rechts der Blick zur Unterbrechung der Allee durch die Bundesbahntrasse (s+w) Insgesamt ist zu konstatieren, dass die Authentizität der historischen Kulturlandschaft um Gut Merberich trotz der vielfältigen Aktivitäten des jetzigen Besitzers, den ursprünglichen Zustand wenigstens teilweise wieder herzustellen, nur noch in sehr geringem Maße gegeben ist. 24 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University 2.8 Fazit: Wichtige Sichtverbindungen in und um Gut Merberich Auf Basis der vorangegangenen Analyse lassen sich folgende sechs Sichtverbindungen bzw. Sichtpunkte von besonderer kulturhistorischer Relevanz unterscheiden, die die kulturlandschaftliche Einbettung von Gut Merberich prägten bzw. prägen: ►Die klassischen Ansichten der 'Schauseiten' des Gebäudeensembles 1. Gut Merberich mit vorgelagertem Teich (vgl. Abb. 2.2) 2. Gut Merberich mit Anfahrtshof im Vordergrund (vgl. Abb. 2.1) ►Die Verknüpfungen zwischen Gebäude und dem Landschaftsgarten 3. Aussicht von der Loggia im ersten Stock in Richtung Landschaftsgarten und angrenzender Kulturlandschaft (vgl. Abb 2.7a) 4.Blick von Hochpunkten des Landschaftsgartens auf Gut Merberich und seine kulturlandschaftliche Umgebung (vgl. Abb. 2.7b) ►Die Verknüpfungen zwischen Elementen der Kulturlandschaft und ihrer Umgebung 5. Obsbaumtallee in Richtung Gut Luginsland (vgl. Abb. 2.8b) 6. Blick von der Langerweher Straße in Richtung Gut Merberich und seiner umgebenden Kulturlandschaft Diese Punkte wurden daher für die im nächsten Kapitel dokumentierten Visualisierungen ausgewählt. Eine Ausnahme bildet die ursprünglich vorhandene Obstallee nach Süden, die mittlerweile nicht mehr vorhanden ist und daher in den Visualisierungen nicht berücksichtigt werden konnte. 25 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University 3. Visualisierungen und Bewertung 3.1 Anmerkungen zur technischen Methodik Nachfolgend sind die verschiedenen Visualisierungen der geplanten Windenergieanlagen dokumentiert. Zunächst soll jedoch dargelegt werden, wie die Visualisierungen der relevanten Standund Blickpunkte erzeugt und welche Kriterien der Bewertung zugrunde gelegt wurden. 3.2 Erzeugung der Visualisierungen der geplanten Windenergieanlagen Die Visualisierung der geplanten Windenergieanagen wurde mit höchstmöglicher technischer Präzision geleistet. Zunächst wurde ein 3D-Computermodell erstellt, das dreidimensionale Daten der vorhandenen topografischen Situation, dreidimensionale Daten der geplanten Windenergieanlagen sowie der vorhandenen Gebäudestrukturen des engeren Untersuchungsgebiets enthält. Als Grundlage zur Erstellung des digitalen Modells für Ausschnitte der Landschaft dienten Daten des Landesvermessungsamtes Nordrhein-Westfalen. Diese Daten enthalten ein dreidimensionales 'Mesh' der Umgebung des zu untersuchenden Gebietes, also eine digitale, numerische Speicherung der Höheninformationen der natürlichen Erdoberfläche des engeren Untersuchungsgebietes. Dieses 3DModell wurde mit hoch auflösenden Luftbildern kombiniert, die ebenfalls das Landesvermessungsamt Nordrhein-Westfalen zur Verfügung stellte. Aufgrund der Genauigkeit der gelieferten Daten besitzt das Computermodell eine sehr große Präzision. Insgesamt setzt sich das 3D-Gesamtmodell aus drei Elementen zusammen: • Dem digitalen Geländemodell; • Hoch auflösenden Luftbildern des engeren Untersuchungsgebiets; • Dem digitalen Modell der Windenergieanlagen. Abbildung 3.1: Genese des 3D Computermodells 26 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University Die den Visualisierungen zugrundegelegten Planungen der Windenergieanlagen befinden sich noch in einem Vorstadium, so dass genaue Details, z. B. die Hindernismarkierungen nicht dargestellt werden konnten. Es kann dennoch davon ausgegangen werden, dass die übermittelten Daten ausreichend sind, um die Auswirkungen des geplanten Repowerings auf das Denkmal Gut Merberich abschätzen zu können. In einem zweiten Arbeitsschritt wurden vor Ort GPS-referenzierte Digitalfotografien unter geeigneten Sichtbedingungen erstellt. Diese Digitalfotografien haben eine Brennweite von ca. 24-70mm, um die menschliche Wahrnehmung so realistisch wie möglich zu simulieren. Die Digitalfotografien wurden anschließend mit dreidimensionalen virtuellen Aufnahmen im Computermodell referenziert. Da diese virtuellen Aufnahmen mit der gleichen Brennweite erstellt wurden, lassen sich die Digitalfotografien mit dem Computermodell zu hundert Prozent exakten und realistischen Visualisierungen der geplanten Baumaßnahmen in ihrer landschaftlichen Umgebung 'überlagern'. Abb.3.2a, b: Genese der Visualisierungen: Überlagerung der GIS-referenzierten Digitalfotografien mit dem 3D-Computermodell. (v-cube) Diese Verknüpfung von Digitalfotografien mit dem 3D-Modell bietet generell den Vorteil, dass Bäume, Sträucher etc., die aus technischen Gründen im digitalen Geländemodell nicht aufgenommen werden können, in die Sichtfeldanalysen integriert sind. Das ermöglicht es, Veränderungen innerhalb des Landschaftsbildes der Umgebung Gut Merberichs realistisch und mit höchster Präzision darzustellen. 3.3 Anmerkungen zur Dokumentation der Visualisierungen Die einzelnen Visualisierungen wurden so weit irgend möglich realitätsnah und der menschlichen Wahrnehmung entsprechend erstellt. Dies impliziert, dass Panorama-Blicke in der Regel mittels kinematischer Rundum-Perspektiven visualisiert wurden (360 Grad). Innerhalb der Druckversion dieses Gutachtens können diese Visualisierungen jedoch nicht vollständig wiedergegeben werden. Um dem menschlichen Blickfeld möglichst nahe zu kommen, erfolgt hier eine verkleinerte Dokumentation der erstellten Visualisierungen im Maßstab 16:9, was dem menschlichen Blickfeld nahekommt. 27 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University 3.4 Wahrnehmungskategorien und ausgewählte Sichtpunkte Auf dieser technischen Basis wurden folgende, im vorausgegangenen Kapitel als kulturhistorisch relevant eingestufte Sichtpunkte visualisiert: P01_Gut Merberich mit vorgelagertem Teich P02_Gut Merberich mit Anfahrtshof im Vordergrund P03_Balkon im ersten Stock Gut Merberich (Frühstückszimmer) P04_Landschaftsgarten Gut Merberich P05_Obstbaumallee P06_Langerweher Straße Abb.: 3.3: Übersicht über die innerhalb der Untersuchung dokumentierten Sichtpunkte sowie die geplanten Windkraftanlagen (vcube) 28 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University 3.5 Grundlagen zur gutachterlichen Bewertung des Konfliktpotenzials der geplanten Windenergieanlagen auf das Denkmal Gut Merberich Die Auswirkungen der geplanten Windenergieanlagen auf die als relevant eingestuften Sichtpunkte wurden anhand der nachfolgend aufgeführten Kriterien eingestuft: ►Bewertungskriterium 1: Bedeutung der Sichtpunkte / Sichtkorridore und visuelle Empfindlichkeit des Sichtraumes Alle geprüften Sichtpunkte / Sichtkorridore wurden prinzipiell als relevant im Hinblick auf den Denkmalwert Gut Merberichs eingestuft, da die in Kapitel 2 vorgenommene Untersuchung diese Bedeutungszusammenhänge belegte. Dennoch bestehen Graduierungen im Hinblick auf die kulturgeschichtliche Relevanz, da für die Identität prägende Wirkung eines Denkmals auch entscheidend ist, inwieweit diese Charakteristika in der Öffentlichkeit erlebt werden können. Die kulturhistorische Relevanz der einzelnen Sichtpunkte Graduierung wurde daher folgendermaßen abgestuft: ►Prinzipiell öffentlich zugänglich und kulturhistorisch sehr bedeutend: sehr hoch ►Kulturhistorisch bedeutend, nicht öffentlich zugänglich: hoch ►Kulturhistorisch weniger bedeutend, öffentlich zugänglich: mittel ►Bewertungskriterium 2: Umfang, Sichtbarkeit und Entfernung der geplanten Windenergieanlagen ►Das Ausmaß der eventuellen visuellen Beeinträchtigungen der zu prüfenden Sichtpunkte wird sehr stark durch die Sichtbarkeit der geplanten Windenergieanlagen bestimmt. Sind mehr Windenergieanlagen sichtbar, erhöhen sich die visuellen Auswirkungen auf das Landschaftsbild. Auch der Umfang der sichtbaren Teile der Windenergieanlagen wurde in die Bewertung mit einbezogen (z. B. ganzer Rotor / halber Rotor). Ein dritter Faktor, der sich auf das eventuelle Konfliktpotenzial der geplanten Windenergieanlagen im Hinblick auf den Denkmalwert von Gut Merberich auswirkt, ist deren Entfernung vom Sichtpunkt. Je näher die Windenergieanlagen an bestimmten Sichtpunkten liegen, desto deutlicher sind sie wahrnehmbar und in der Regel steigt deren visuelle Dominanz im Stadt- und Landschaftsbild an. Alle drei Faktoren erhöhen das eventuell vorhandene Konfliktpotenzial im Hinblick auf den Denkmalwert Gut Merberichs. ►Bewertungskriterium 3: Qualitative Veränderungen des Landschaftsbildes durch die geplanten Windenergieanlagen Das Ausmaß des eventuellen Konfliktpotenzials von Windenergieanlagen in Bezug auf das Denkmal Gut Merberich wird insbesondere durch die Art und Weise der qualitativen Veränderungen des Landschaftsbildes bestimmt. Im Detail erfolgte die Bewertung der zu erwartenden Auswirkungen anhand folgender Kriterien: ►Technische Überprägung des Landschaftsbildes: Durch ihren technischen Charakter und ihre Höhe führen Windenergieanlagen in naturnahen oder kulturhistorisch bedeutsamen Landschaften oder in Bezug zu historischen Gebäudebeständen zu einer technischen Überprägung des Landschaftsbildes. 29 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University Dies kann zu erheblichen Veränderungen führen, da die visuelle Qualität nicht mehr durch die naturnahen und kulturhistorischen Strukturen, sondern durch die technische Ausstrahlung der Windenergieanlagen bestimmt wird. ►Visuelle Dominanz: Aufgrund ihrer Höhe stellen Windenergieanlagen neue unübersehbare Dominanzpunkte in der Landschaft dar. Durch die mit der Anordnung in Windparks verbundene Gruppierung wird diese Dominanz in der Regel noch gesteigert. Der Blick konzentriert sich hierdurch eventuell auf die Anlagen und nicht auf die bisher bedeutenden / prägenden Elemente der Landschaft. ►Maßstabsverlust: Aufgrund der Höhe, aber auch den Ausmaßen der Anlagen kann die Verhältnismäßigkeit von Landschaften und ihrer kulturhistorisch bedeutenden Elemente (z. B. Gebäude wie Burgen oder Schlösser, Gebäudegruppen und Siedlungen) verloren gehen. Auch natürliche Elemente und besondere landschaftsprägende Charakteristika (z.B. Hügel, einzelne Bäume oder Baumgruppen und Wälder) werden durch die Anlagen zumeist durch ein Vielfaches überragt, so dass sich die Maßstäblichkeit der Landschaft ändert. Das Ausmaß der Beeinträchtigungen wurde in folgenden sechs Stufen beurteilt: nicht sichtbar nicht sichtbar vernachlässigbar geringe Veränderung mittlere Veränderung starke Veränderung leichte Verbesserung neutral / gleichbleibend gering moderat hoch hoch - sehr hoch Tabelle 1: Bewertungsskala für Veränderungen 3.6 Dokumentation und Bewertung der Visualisierungen von Aussichtspunkten Nachfolgend sind alle Visualisierungen dokumentiert. Die Visualisierungen wurden mit einer Bewertung des Ist-Zustandes und des zukünftigen Zustandes versehen. 30 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University P01_Gut Merberich mit vorgelagertem Teich Situation. Der Sichtpunkt zeigt im Vordergrund den an Gut Merberich angrenzenden Teich, dahinter den charakteristischen achteckigen offenen Pavillon ('Gazebo') und das Gutshaus. Diese Perspektive ist eine der 'klassischen' Ansichten Gut Merberichs, die auch auf historischen Fotografien häufig zu sehen ist (vgl. Abb. 2.2). Der Sichtpunkt ist prinzipiell öffentlich zugänglich, der kulturhistorische Wert daher 'sehr hoch'. Bewertung: Die Windräder wären nicht sichtbar. Um festzustellen, ob dies durch die jahreszeitlich bedingte dichte Vegetation verursacht wird, wurde durch Einblendung der Windräder ein Worst-Case-Szenario simuliert (winterlicher Zustand, ohne Laub). In dieser Einstellung zeigt sich, dass das an der östlichen Seite von Halde Nierchen angeordnete Windrad unter anderen jahreszeitlichen Bedingungen eventuell teilweise sichtbar werden könnte. Die visuellen Auswirkungen auf das Denkmal Gut Merberich sind damit als 'gering' zu beurteilen. 31 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University P02_Gut Merberich mit Anfahrtshof im Vordergrund Situation. Dieser Sichtpunkt zeigt im Vordergrund die Hofeinfahrt von Gut Merberich, dahinter das Gutshaus. Dies ist eine der 'klassischen Ansichten' Gut Merberichs, die auch auf historischen Fotografien häufig zu sehen ist (vgl. Abb. 2.1). Der Sichtpunkt ist prinzipiell öffentlich zugänglich, der kulturhistorische Wert daher 'sehr hoch'. Bewertung. Das Repowering der Windenergieanlagen hätte keine Auswirkungen auf diese Ansicht, die Anlagen wären nicht sichtbar. Auch im Worst-Case-Szenario (winterlicher Zustand ohne Belaubung) zeigen sich keine Auswirkungen. Die visuellen Auswirkungen auf das Denkmal Gut Merberich sind damit als 'neutral' zu beurteilen. 32 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University P03_Balkon im ersten Stock Gut Merberich (Frühstückszimmer) Situation: Die Fotografie zeigt einen Blick vom unmittelbar neben dem Frühstückszimmer gelegenen Balkon im ersten Geschoss von Gut Merberich in den angrenzenden englischen Landschaftsgarten. Als wichtiger Verknüpfungspunkt zwischen dem Haupthaus und der umgebenden Landschaft ist dieser nicht öffentlich zugängliche Sichtpunkt ein wesentliches Element der Gesamtkonzeption von Gut Merberich. Die kulturhistorische Relevanz ist daher 'hoch'. Die Aussicht wird bereits durch ein sichtbares Windrad technisch überprägt. Bewertung: Nach dem Repowering wäre aufgrund der hohen Vegetation nur noch ein sehr kleiner Ausschnitt eines Rotors des am südöstlichen Punkt von Halde Nierchen geplanten Windrades zu sehen. Im Worst-CaseSzenario (winterlicher Zustand ohne Belaubung) könnten sich jedoch eventuell geringfügige Durchsichten auf die geplanten neuen Windräder ergeben. Insgesamt ergäbe sich jedoch eher eine leichte Verbesserung der jetzigen Situation. Die visuellen Auswirkungen auf das Denkmal Gut Merberich sind damit als 'leichte Verbesserung' zu beurteilen. 33 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University P04_Landschaftsgarten Gut Merberich Situation: Die Visualisierung zeigt einen Blick auf Gut Merberich von einem südöstlich von Gut Merberich gelegenen Hochpunkt des Landschaftsgartens. Auch diese Ansicht gehört zu den klassischen Sichtachsen auf Gut Merberich, die auf der Gesamtkonzeption Emanuel von Seidls beruht. Der Sichtpunkt ist nicht öffentlich zugänglich. Die kulturhistorische Bedeutung ist daher als 'hoch' einzustufen. Bewertung: Die Ansicht von Gut Merberich würde nach dem Repowering durch das auf an nordwestlicher Seite von Halde Nierchen geplante Windrad dominiert und hierdurch sehr stark technisch überprägt. Es ergäben sich gegenüber der jetzigen Situation deutliche Beeinträchtigungen. Die visuellen Auswirkungen auf das Denkmal Gut Merberich sind als 'hoch - sehr hoch' zu beurteilen. 34 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University P05_Obstbaumallee Situation: Die Fotografie zeigt einen Blick in Richtung Halde Nierchen von der historischen, ursprünglich zum Gut Luginsland führenden Obstallee. Im Vordergrund die gerade neu gepflanzten Obstbäume der Allee. Die kulturhistorische Bedeutung des Sichtpunkts ist aufgrund der prinzipiell gegebenen öffentlichen Zugänglichkeit als 'sehr hoch' einzustufen. Bereits jetzt besteht eine starke technische Überprägung dieses noch intakten Stücks der Gut Merberich umgebenden Kulturlandschaft durch zwei vollständig sichtbare Windenergieanlagen auf Halde Nierchen. Bewertung: Die Visualisierung zeigt, dass im Falle des Repowerings an Stelle der beiden bisher sichtbaren Windräder zukünftig nur noch das an der nordwestlichen Seite von Halde Nierchen geplante Windrad vollständig sichtbar wäre, das jedoch wesentlich dominanter in Erscheinung tritt als die beiden bisher sichtbaren Windräder. Die Rotoren der drei weiteren geplanten Windenergieanlagen wären teilweise sichtbar. Insgesamt bleiben die Beeinträchtigungen im jetzigen und zukünftigen Zustand ähnlich. Die visuellen Auswirkungen auf das Denkmal Gut Merberich sind als 'neutral' zu beurteilen. 35 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University P06_Langerweher Straße Situation: Diese Fotografie zeigt die kulturlandschaftliche Umgebung Gut Merberichs von der Langerweher Straße aus. Gut Merberich selbst ist nicht zu sehen (roter Pfeil), jedoch zeigt die Fotografie den intaktesten Teil der Umgebung des Landguts. Es sind zwei Windenergieanlagen vollständig und eine dritte Windenergieanlage teilweise sichtbar (halber Rotor), so dass bereits jetzt eine starke technische Überprägung besteht. Bewertung: Die Visualisierung zeigt, dass im Falle des geplanten Repowerings alle vier Windräder ganz oder teilweise sichtbar wären. Im Bereich der unmittelbaren Umgebung Gut Merberichs ergäbe sich eine leichte Verbesserung, da hier nun kein Windrad mehr sichtbar ist. Demgegenüber träte das an der östlichen Seite von Halde Nierchen geplante Windrad sehr dominant in Erscheinung. Die visuellen Auswirkungen auf das Denkmal Gut Merberich sind damit als 'neutral' zu beurteilen. 36 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University 3.7 Fazit: Zusammenfassung der Bewertung der Visualisierungen Insgesamt zeigen die Visualisierungen, dass durch das geplante Repowering unterschiedliche Auswirkungen im Hinblick auf das Denkmal Gut Merberich entstünden. Sichtpunkte von sehr hoher kulturhistorischer Bedeutung würden im Wesentlichen nicht beeinträchtigt (P01, Gut Merberich mit vorgelagertem Teich und P 02, Anfahrtshof Gut Merberich). Der Sichtpunkt 'P 04, Landschaftsgarten Gut Merberich', der eine hohe kulturhistorische Relevanz besitzt, würde durch das geplante Repowering sehr starke Beeinträchtigungen erfahren. Bei den Sichtpunkt 'P 05 Obstbaumallee' blieben die Beeinträchtigungen ungefähr gleich, bei Sichtpunkt 'P 06 Langerweher Straße' ergäbe sich eine leichte Verschlechterung der jetzigen Situation. Beim Sichtpunkt 'P03, Balkon im ersten Stock Gut Merberich ist eine leichte Verbesserung der jetzigen Situation zu erwarten. Tabellarisch lassen sich die Ergebnisse der Untersuchung zusammenfassen wir folgt: Sichtpunkt Kulturhistorische Bedeutung Ergebnis / Beinträchtigung sehr hoch gering P02_Hofeinfahrt Gut Merberich sehr hoch neutral P03_Balkon im ersten Stock Gut Merberich hoch leichte Verbesserung P04_Landschaftsgarten Gut Merberich hoch hoch - sehr hoch P05_Obstbaumallee sehr hoch gleichbleibend P06_Langerweher Straße mittel neutral P01_Gut Merberich vom Ufer des benachbarten Teichs aus gesehen (Frühstückszimmer) Tabelle 2: Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse Zusammenfassend ist zu konstatieren, dass durch das geplante Repowering der bestehenden Windkraftanlagen auf Halde Nierchen im Vergleich zur jetzigen Situation keine entscheidende Verschlechterung der Wahrnehmbarkeit des Denkmalwertes von Gut Merberich entstünde, selbst wenn die auf den Visualisierungen noch fehlenden Hinderniskennzeichnungen angebracht würden. Dieses Untersuchungsergebnis ist jedoch maßgeblich darauf zurückzuführen, dass bereits jetzt in der kulturlandschaftlichen Umgebung von Gut Merberich ein sehr hohes Maß an Verfremdung und technischer Überprägung besteht, was maßgeblich auf die durch den Braunkohletagebau, die hierdurch verursachten Veränderungen in der Kulturlandschaft um Langerwehe sowie auf die bereits bestehenden Windenergieanlagen zurückzuführen ist. Vor dem Hintergrund der im vorangegangenen Kapitel ermittelten Untersuchungsergebnisse werden abschließend Handlungsempfehlungen zum weiteren Vorgehen formuliert. 37 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University 4. Fazit und Empfehlungen Das vorliegende Gutachten hatte zum Ziel, die mit dem geplanten Repowering des Windparks Halde Nierchen verbundenen potenziellen positiven und negativen visuellen Auswirkungen auf das Denkmal Gut Merberich zu untersuchen und aus unabhängiger Sicht gutachterlich zu bewerten. Die Untersuchung zeigte, dass durch das geplante Repowering stellenweise Beeinträchtigungen kulturgeschichtlich relevanter Sichtverbindungen im Hinblick auf Gut Merberich und dessen Umgebung entstünden. Andere Sichtverbindungen mit kulturhistorischer Bedeutung würden jedoch eher etwas entlastet, da hier eine Minderung der bereits jetzt bestehenden starken visuellen Beeinträchtigungen durch die Windenergieanlagen auf Halde Nierchen eintritt. In weiteren Fällen bleibt die Belastung in etwa gleich. Insgesamt führt die gutachterliche Beurteilung des geplanten Repowerings des Windparks Halde Nierchen daher zu dem Ergebnis, dass diese Maßnahme im Hinblick auf den visuell wahrnehmbaren kulturgeschichtlichen Wert des Denkmals Gut Merberich als neutral einzustufen ist. Ausdrücklich angemerkt werden soll jedoch an dieser Stelle, dass dieses Ergebnis auch maßgeblich darauf zurückzuführen ist, dass das Denkmal Gut Merberich und seine umgebende Kulturlandschaft bereits jetzt sehr stark technisch überprägt sind. Hierbei spielen nicht nur die bestehenden Windenergieanlagen auf Halde Nierchen, sondern insbesondere auch die Veränderungen durch den Braunkohletagebau, die hierdurch entstandene Halde Nierchen sowie die visuelle Dominanz des Kraftwerks Weisweiler eine entscheidende Rolle. Abschließend werden daher folgende drei Empfehlungen für zukünftige Handlungskorridore vorgeschlagen, die diesen Aspekt mit berücksichtigen: ►a. Überprüfung eines begrenzten Repowerings durch Verzicht auf die Aufstellung der geplanten Windenergieanlage im Osten von Halde Nierchen Das Untersuchungsergebnis dieses Gutachtens zeigt, dass eine signifikante Verbesserung der visuellen Beeinträchtigungen des Denkmals Gut Merberich und seiner kulturlandschaftlichen Umgebung prinzipiell nur dann erreicht werden könnte, wenn auf die Aufstellung von Windenergieanlagen an der Ostseite von Halde Nierchen vollständig verzichtet würde. Es wird deshalb vorgeschlagen, zu überprüfen, ob eventuell ein vollständiger Verzicht auf ein Aufstellen des geplanten Windrades an der Ostseite der Halde Nierchen im Rahmen des geplanten Repowerings wirtschaftlich darstellbar wäre. Durch eine solche Maßnahme könnte auch deshalb ein Beitrag für öffentliche Belange geleistet werden, da das Denkmal Gut Merberich und seine historische kulturlandschaftliche Umgebung innerhalb der sehr stark technisch überprägten Umgebung Langerwehes und Weisweilers ein Identität stiftender Faktor ist, der die Situation dieses Gebietes vor seiner starken Industrialisierung dokumentiert. 38 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University ►b. Berücksichtigung der langfristigen Sicherung kulturellen Erbes und des Denkmals Gut Merberich im Rahmen von ausgleichenden Maßnahmen Die vorliegende Untersuchung zeigte, dass es sich bei Gut Merberich und seiner kulturlandschaftlichen Umgebung um ein wertvolles Denkmal handelt. Denn bei dem Schutzgut handelt es sich um eine im Rheinland sehr seltene Bauform, zu der selbst bundesweit nur noch wenige vergleichbare Objekte vorhanden sind. Es sollte deshalb alles dafür getan werden, das Denkmal Gut Merberich und seine umgebende Kulturlandschaft nachhaltig zu sichern. Deshalb wird vorgeschlagen, die Sicherung kulturellen Erbes gesondert zu berücksichtigen, um den Unterhalt ausgewählter kulturgeschichtlich wertvoller Denkmäler im Raum Langerwehe und Weisweiler, unter ihnen Gut Merberich, zu unterstützen, falls im Rahmen des geplanten Repowerings von Halde Nierchen Ausgleichszahlungen zugunsten der Landkreise festgesetzt werden sollten. So könnte eine Ausbalancierung zwischen der Berücksichtigung der gegenwärtigen Anforderungen der Energiewende und der Sicherung Identität prägenden kulturellen Erbes im Rahmen des Denkmalschutzes als Träger öffentlicher Belange gewährleistet werden. ►c. Langfristige Sicherung des Denkmals Gut Merberich und seines kulturgeschichtlichen Wertes durch von diesem Gutachten getrennt durchzuführende Untersuchungen potenzieller weiterer Belastungen (Lärm, Schattenwurf, Licht) Es soll abschließend darauf hingewiesen werden, dass das Denkmal Gut Merberich nur dann langfristig und nachhaltig gesichert werden kann, wenn dessen Bewohnbarkeit und damit auch die Nutzung des Anwesens in Zukunft vollständig gewährleistet bleibt. Das vorliegende Gutachten hatte ausschließlich zum Ziel, potenzielle visuelle Beeinträchtigungen des Denkmals Gut Merberich durch das geplante Repowering der bestehenden Windenergieanlagen auf Halde Nierchen zu überprüfen. Eventuell hierüber hinausgehende Beeinträchtigungen, z. B. durch die nächtliche Befeuerung der Anlagen, durch den im Zuge der Rotorenrotation verursachten Schattenwurf sowie mögliche Geräuschemissionen durch Infraschall o. ä. waren deshalb nicht zu berücksichtigen. Diese Faktoren sind prinzipiell in eigenständigen Untersuchungen im Rahmen des Planungsverfahrens zum Repowering der Windenergieanlagen auf Halde Nierchen näher zu beleuchten, die mit größtmöglicher Sorgfalt durchzuführen sind. Die Einhaltung der o.g. über dieses Gutachten hinausgehenden Belange sollten daher von der Genehmigungsbehörde zukünftig sehr sorgfältig überwacht werden. --- 39 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University 5. Quellen Dokumentation Dr. Wullenweber (Den Autoren vom Besitzer des Landguts zur Verfügung gestellte Unterlagen, größtenteils ohne Quellenangaben). Koch, Alexander: Ein Gutshof von Emanuel von Seidl, in: Koch, Alexander (Hg): Deutsche Kunst und Dekoration): Deutsche Kunst und Dekoration, Band XXXV, 1914 Kunstmann, Joanna Waltraud: Emanuel von Seidl (1856-1919). Die Villen und Landhäuser, München 2012 Sielmann, Burchard: Langerwehe in alten Bildern, Meinerzhagen 1989 LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland: Stellungnahme zum Repowering Windpark Halde Nierchen Pulheim, 2014 LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland: BODEON-Objektblatt, Auszug 22.06.2015, erstellt 28.09.1982 Kloos, Michael: Landscape 4. Landschaftsideen Nordeuropas und die visuelle Integrität von Stadtund Kulturlandschaften im UNESCO-Welterbe, Aachen 2014 KuLaDig, Gut Merberich, in: http://www.kuladig.de/Objektansicht.aspx?extid=O-81857-20131212-2 (abgefragt am 26.06.2915) 40 s c h e u v e n s +w a c h t e n UNESCO Chair in World Cultural and Urban Landscapes, RWTH Aachen University 41